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Stumme Zeugen des letzten Ausbruchs des japanischen Unzen, der 1991 ein Dorf unter einem Ascheregen und Lavastrom begrub, 43 Menschen wurden getötet. Der aktive Vulkan wird nun intensiv beforscht.

Foto: REUTERS/Elaine Lies
    Er hat die Erde beben lassen, Menschen getötet, Dörfer begraben, Tsunamis ausgelöst: der japanische Unzen. Nun rammten ihm Forscher Stahl in seinen Schlot. Damit wurde erstmals in der Geschichte ein aktiver Vulkan angebohrt. Was einige Überraschungen brachte.

Potsdam/Tokio - Anwohner des japanischen Vulkans Unzen hatten die Forscher gewarnt: Es sei gefährlich, den heiligen Berg zu reizen. Dennoch wagten Wissenschafter das Unternehmen und bohrten dort weltweit zum ersten Mal ein Loch in den Schlot eines aktiven Vulkans - freilich nicht, ohne den Berg, der den Schintoisten heilig ist, vorher von einem Priester segnen zu lassen. Die ersten gewonnenen Erkenntnisse überraschen. Und beruhigen.

Aus dem Schlot des Unzen hatte glühendes Magma im Mai 1991 Gestein gespuckt, dann schoss heiße Asche zusammen mit Lava aus dem Schlot und tötete 43 Menschen, unter ihnen die weltberühmten Vulkan-Fotografen Katia und Maurice Krafft. Fünf Jahre lang spie der Vulkan im Süden Japans immer wieder glühende Lava und Asche.

Die Angst wuchs. Immerhin brachte 1792 eine Eruption des Unzen sogar eine ganze Flanke des Berges in Bewegung. Gestein und Schlamm stürzten zu Tal, begruben Dörfer unter sich und klatschten ins Meer. Dort lösten sie einen 20 Meter hohen Tsunami aus, der die Küste überspülte und 15.000 Menschen tötete.

Bei den letzten Ausbrüchen in den 1990er-Jahren enthielt die Lava kaum Gas - ungewöhnlich für den Unzen, der zur Gruppe der Schichtvulkane gehört, die zumeist gashaltige und daher explosive Lava fördern. "Das Gas muss irgendwo im Schlot auf der Strecke geblieben sein, sich in Gasblasen gesammelt haben", sagt Andreas Tretner, Geochemiker am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). Tretner ist zuständig für die Gasanalyse am Bohrloch, von der sich die Forscher die Erklärung für das launische Ausbruchsverhalten des Unzen und anderer Vulkane erhoffen.

Wegen drohender Gasexplosionen und großer Hitze im Inneren aktiver Vulkane schreckten Forscher bisher vor tiefen Bohrungen zurück. Im Schlot des Unzen wurden Temperaturen von 600 Grad Celsius erwartet. Doch das Risiko erschien lohnenswert. Denn der Einblick in sein Inneres könnte klären, wann und wie Vulkane ausbrechen.

Intensiv verkabelt

Zwar sind für die Ausbruchsvorhersage viele Vulkane wie auch der Unzen verkabelt wie Intensivpatienten. Gemessen werden dabei etwa Erdbeben, Gasströme, Temperaturen und Bodenbewegungen. Allerdings ist häufig unklar, was die Signale bedeuten. Der Vorstoß in den Unzen sollte zeigen, was im Inneren eines Vulkans vor sich geht. Und erklären, warum Magma bei fast jeder Eruption denselben Weg durch den Schlot nach oben nimmt. Eigentlich sollten seitliche Ausbrüche wahrscheinlicher sein, denn Gestein verstopft den Schlot: erstarrtes Magma eines vorangegangenen Ausbruchs.

Nach 1550 Bohrmetern erreichten die Forscher schließlich den Schlot. Darin war es mit 150 Grad Celsius weit weniger heiß als vermutet. Die Überraschung: Der Schlot ist keineswegs jene homogene, dicke Säule, als die er in den Lehrbüchern dargestellt ist - was durchaus auch für andere Vulkane zutreffen könnte und damit im Widerspruch zu einigen bisher angenommenen Ausbruchsszenarien stünde. Das Magma im Unzen ist bei der letzten Eruption nicht durch den ganzen Schlot gestiegen, sondern verästelte sich. Das erklärt auch die niedrigen Temperaturen: Wäre die erstarrte Magmasäule dicker, wäre es dort heißer.

Die insgesamt zwei Kilometer lange Bohrung förderte beruhigende Informationen zutage: Zwar ergab die Analyse der Gesteine, dass bei früheren Eruptionen explosive, so genannte Dazitlava abgelagert wurde - demnach sollte der Unzen ähnlich gefährlich sein wie die Vulkane Pinatubo oder Mount St. Helens. Doch dürfte es im Unzen ein Entlüftungssystem aus Gesteinsspalten geben, durch das bei einem Ausbruch explosive Gase aus dem Magma entweichen können. Trifft das auch für andere Vulkane zu, müssten neue Risikoanalysen erstellt werden. (DER STANDARD, Print, 14.1.2005)