Die altersbedingte Macula-Degeneration (AMD) ist die häufigste Erblindungsursache bei über 50-jährigen. 20 Prozent der Menschen über 70 sind durch den Verfall des retinalen Pigment-Epithels (RPE) am "Fleck" im Auge, an der Stelle schärfsten Sehens, mehr oder weniger stark behindert. Es gibt bereits Strategien, diesen Verfall in seiner "feuchten", das heißt schneller verlaufenden Variante aufzuhalten.

Mit Hilfe von Lasern etwa werden die dabei auftretenden Gefäßneubildungen thermisch verödet. Die fotodynamische Methode hingegen verwendet Farbstoff und erreicht ebenfalls einen zeitweiligen Gefäßverschluss. Beide Therapieformen sind nicht (im chirurgischen Sinn) invasiv. Leider sind sie teuer; zudem müssen sie regelmäßig wiederholt werden und haben nur einen palliativen, also lindernden beziehungsweise den Verfall verzögernden Effekt.

Auch chirurgische Eingriffe waren bisher nur bedingt wirksam: Man verpflanzte RPE - die ernährende Zellschicht zwischen Netzhaut und Aderhaut - von anderen Menschen an die AMD-Läsion, doch es kam zu Abstoßungsreaktionen.

Die Wiener Ophthalmologin Susanne Binder zog daraus die Konsequenz: "Wir haben als Erste autologe, das heißt körpereigene RPE vom Rand in die Macula transplantiert und konnten nachweisen, dass die so behandelten Patienten besser lesen konnten als eine Kontrollgruppe." Binder, Leiterin des Boltzmann-Instituts für Retinologie und biomikroskopische Laserchirurgie am Spital der Rudolf-Stiftung in Wien, ist damit in einen Bereich vorgedrungen, der bisher vernachlässigt wuerde, unter dem unausgesprochenen Motto, das zahle sich nicht mehr aus.

"Die retinale Transplantation", sagt sie, "ist nicht nur gegen sekundäre Folgen wie Gefäßneubildungen gedacht, sondern stellt das ursprüngliche Milieu wieder her." Natürlich nicht problemlos. Zwar funktioniert der körpereigene Ersatz besser als frühere Versuche, doch er hat den Nachteil, dass die Zellen so alt sind wie der Patient selbst, das heißt nicht mehr stark nachwachsen.

Das Wiener Team arbeitet daher an einem "Verjüngungsprojekt" für RPE-Zellen: "Wir züchten sie mit verschiedenen Wachstumsfaktoren und messen die Effekte. Wenn wir sehen, unter welchen Umständen sie gut wachsen, werden wir sie im Krankheitsmedium einsetzen und untersuchen, wie sie reagieren."

Eine weitere Idee geht in die Richtung, chirurgisch entnommene RPE in vitro zu vermehren und erneut einzupflanzen: Institutsmitarbeiter Boris Stanzel hat dafür ein Schrödinger-Stipendium vom Wissenschaftsfonds FWF bekommen und tritt gerade einen Forschungsaufenthalt an der Stanford University an. Ziel der Arbeit ist es, aus einer kleinen Gewebeprobe genügend RPE zu züchten, um die AMD-Läsion zu versorgen. Die Zellen sollen auf eine Trägermatrix übertragen und als intakte Gewebsschicht präzise rückimplantiert werden.

Ferner stellt die Wiener Arbeitsgruppe Versuche mit der Amnionmembran als Trägersubstanz an, der Embryonalhülle, die sich in die Nabelschnur fortsetzt. Sie besitzt wichtige biologische Eigenschaften, die das Zellwachstum begünstigen. Auf ihr, kryogefroren, können Epithelzellen gut aufwachsen und verpflanzt werden.

Die genannten Techniken ermöglichen dem chirurgischen Eingriff eine größere Erfolgsrate. Nahziel von Binder und ihren Kollegen ist es, ihn als kurative Methode bei feuchter Macula-Degeneration zu etablieren. Sie sei auf dem richtigen Weg, sagt sie. Und dann werde es zum nächsten Ziel gehen: der Behandlung der trockenen AMD. Diese Form ist vier mal so häufig. Und bis heute gibt es für sie keine Heilungsmethode. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16. 1. 2005)