Obskurer französischer Philosoph tot", titelte die New York Times etwas pietätlos im Oktober, sehr zum Ärger der Anhänger von Jacques Derrida. Spätestens mit dessen Ableben darf jedoch die Konjunktur des so genannten Poststrukturalismus als überwunden gelten: Derridas Traum von der spitzfindigen Voll-Endung der westlichen Philosophie in ihrer Selbstabschaffung ebenso wie die brillanten philologischen Haarspaltereien eines Paul de Man (1919-83). Das "Theoriekarussell" in den Humanwissenschaften dreht sich weiter - trotz des Gefühls der Leere, das de Man und Derrida hinterlassen haben, und trotz des schlechten Rufes, bloß eine Abfolge von Denkmoden zu sein.

So war es auch durchaus symptomatisch, dass 2002 an der angesehenen, belgischen Universität Löwen eine groß angelegte Diskussion mit dem provokanten Titel "Aestheticide" stattfand, frei nach einem Aufsatz des Yale-Literaturwissenschafters und de-Man-Kollegen Geoffrey Hartman, der das poststrukturalistische Team beim intellektuellen Mannschaftssport anführte. Ein eigentümliches Szenario: Poststrukturalismus und Dekonstruktion, die mit de Man letztlich an der Uninterpretierbarkeit literarischer Texte festgehalten hatten, verteidigten hier das klassische Projekt von Literaturwissenschaft und Hermeneutik. Von ihnen angegriffen wurde der angebliche Tod der Ästhetik und der Philologie(n) in einer neuen Denkströmung, die seit den 80er-Jahren weltweit die Selbstgenügsamkeit der traditionellen Geisteswissenschaften ablöst und mit ihnen die Vorstellungen des Poststrukturalismus.

Jene "Cultural Studies", die sich nach ihrem Beginn in England um 1960 im deutschsprachigen Raum auch gerne "Kulturwissenschaft(en)" nennen, wenden sich gegen den elitären Kanon von Literatur und anderen "Leitmedien" in den althergebrachten Geisteswissenschaften; im Gegensatz dazu fordern sie eine umfassendere Theoriebildung über kulturelle Phänomene jeder Art (Texte/Bilder, Medien, Praktiken). Dies hat zum Brückenschlag der bisher in ihren (National-)Sprachen eingesperrten Literaturwissenschaften zu anderen Disziplinen wie Geschichte, Soziologie oder Ethnologie geführt. Der neue Hang zum interdisziplinären Seitensprung weckte indes nicht nur den Argwohn der Fachwissenschafter, die den "Kuwis" gerne den Hang zur dilettantischen Überfliegerei vorwerfen. Auch das aufrechte Fähnlein der Poststrukturalisten protestierte, weil es das literarische Kunstwerk seiner ästhetischen Eigenart beraubt und zum bloßen Dokument verkommen glaubte. Ebenso ist der respektlose Anspruch der neuen Kulturwissenschaften, die Grenzen zwischen E- und U-Kultur zu sprengen, oft als grundlagenlose Beliebigkeit missverstanden worden: als der Wille, alles mit jedem zu vergleichen, und wenn's sein muss, eben King Lear mit Burger King.

Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?", fragte schon 1997 der deutsche Großgermanist Wilfried Barner besorgt. Was Not tat und tut, ist Theoriebildung, und so ist es nicht verwunderlich, dass die vergangenen Jahre einen Boom einschlägiger Werke auf dem Buchmarkt gesehen haben. Im Geist deutscher Gelehrten-Redlichkeit und vor allem des dazugehörigen Jargons entstand denn auch das vorliegende dreibändige Handbuch der Kulturwissenschaften. Aber trotz des immensen Aufwands, der hier getrieben wurde, und des illustren Autorenverzeichnisses ist das Unternehmen auf eine beeindruckend kolossale Weise gescheitert.

Dies fängt schon mit der Aufteilung der Bände an. Man muss hier wirklich kein sophistisches Derri-Dada treiben, um sich zu fragen, was denn eigentlich der Unterschied zwischen "Schlüsselbegriffen", "Themen" und "Paradigmen" sei. Das wirkt so, als hätte man das kulturwissenschaftliche Zugpferd von drei verschiedenen Seiten, aber mit gleicher Verbissenheit aufgezäumt. Intelligenter wäre wohl ein Personal-und Sachlexikon gewesen, wie es derselbe Verlag Metzler schon vor Jahren produziert hat (Literatur- und Kulturtheorie, Hg. Ansgar Nünning, 2. Aufl. 2001).

Abgesehen davon bleibt es immer noch deprimierend, mit welcher Leichtigkeit englischsprachige Werke vergleichsweise mit ihrem kulturwissenschaftlichen Gegenstand umgehen. Als weitere Mankos zu nennen sind die chaotische Struktur des Handbuchs, das fehlende Register und die teilweise unvereinbaren Ansichten der Verfasser.

Als charakteristisch dürfen jene Beiträger gelten, die glauben, sich immer wieder unterschwellig für die Zumutung entschuldigen zu müssen, dass sie an einer interdisziplinären Theorie der Kultur(en) mitarbeiten: Die Vielfalt der Buchtitel und Begriffe verweise "auf promiskuitive Beziehungsprobleme", schreiben Georg Bollenbeck und Gerhard Kaiser in ihrem Beitrag (so als wollten sie den "group bang" beschreiben, der hier stattgefunden hatte). Es fehle eine konsensfähige Rahmentheorie, die die Vernetzungsarbeit leisten und die "Cultural Studies" ihrer Beliebigkeit entreißen könne. Eine solche läge aber durchaus im erweiterten Textbegriff der Kulturwissenschaften vor, die nicht nur Literatur, sondern auch Bildmedien und alle kulturellen Praktiken wie etwa Spazierengehen (Michel de Certeau) spätestens seit Stephen Greenblatts New Historicism als eine Art von Text ansehen, der entziffert sein will.

Gegen diesen Zugang haben freilich auch prominente Stimmen opponiert, und so droht nach den Literatur- auch den Kulturwissenschaften ihr Gegenstand abhanden zu kommen: Leicht ablesbar am vorliegenden Handbuch, dessen Artikel sich einerseits inspirierend geben (z.B.: "Raum", "Habitus", "das Eigene und das Fremde"), andererseits wiederum das Gefühl großer Unzufriedenheit hinterlassen, haben sie doch wenig dazu beigetragen, einige große wie vage Begriffe der "Cultural Studies" wie "Kultur", "Identität", "Medien" oder "Narrativ" für den Leser zu klären; da helfen auch große Namen wie Jan Assmann und Paul Ricoeur nicht, die für das Projekt eingekauft wurden. Ein Artikel zum Thema "Gender" fehlt bezeichnenderweise überhaupt, und als zeitgemäße Theoretiker in Sachen Bewusstseinstheorie werden - ziemlich borniert - lediglich Kant und Hegel bemüht.

Zudem ist die sich auftuende Großbaustelle des Geistes nicht nur zu zerfahren, sondern schlichtweg zu teuer für das Börsel des akademischen Normalverbrauchers: Man will diese drei Ziegel des babylonischen Turmbaus eher in großen Bibliotheken wissen, wo sie in Ruhe verstauben können. Die Chance und das (kulturelle) Kapital, die hier vergeudet wurden, werden vielleicht andere Autoren besser zu nutzen wissen. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.01.2005)