Zürich/Frankfurt/München/Berlin - Mit dem abrupten Ende des kurzen Tauwetters im Nahost-Konflikt befassen sich am Montag zahlreiche europäische Pressekommentare. Israel verlangt vom neuen palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, der am Samstag vereidigt wurde, ein energisches Vorgehen gegen die radikalen Organisationen, wozu er jedoch gegenwärtig nicht im Stande sein dürfte.Neue Zürcher Zeitung

"Präsident Abbas hat nach dem Ablegen seines Amtseids eine programmatische Rede über die bekannten Elemente seiner Erholungsstrategie gehalten: demokratische Reformen und Einführung eines pluralistischen Rechtsstaats, Dialog mit den Oppositionsgruppen, gegenseitiger Waffenstillstand mit Israel sowie friedliche Verhandlungen bis zur Gründung eines Palästinenserstaats. Doch Ministerpräsident Sharon hatte schon am Freitag eine Art politischen Bann gegen ihn ausgesprochen, weil er den blutigen Anschlag auf den Waren-Terminal Karni vom Donnerstag nicht verhindert habe. Damit rang Abbas beim ersten Schritt bereits mit einer ähnlichen politischen Ächtung wie sein Vorgänger Arafat in den vergangenen drei Jahren. (...) Abbas wies jeden Versuch eines Friedensdiktats, der provisorischen oder Teillösungen zurück. Vielmehr forderte er simultan die Umsetzung der 'Roadmap' und Verhandlungen über die endgültige Regelung, damit der historische Konflikt ein für alle Mal beigelegt werde. Abbas warnte davor, den Friedensprozess nochmals im Gestrüpp von Vorbedingungen zu verstricken."

Frankfurter Rundschau

"Abbas redet vom Friedensfahrplan und ist bereit, die Gewalt auszusetzen. (...) Das allerdings ändert wenig daran, dass bald wieder Israelis von Bomben im Gaza-Streifen getötet werden. Die Reaktion wird dann nicht lange auf sich warten lassen. Der Nahe Osten ist zum Paradies der Zyniker geworden. Pessimismus gehört zum guten Ton und ist risikolos. Die Skeptiker haben gute Karten, Recht zu behalten. Und diejenigen, die nach jeder Wende nun endgültig den Frieden anbrechen sehen, werden mitleidig angelächelt, wie man kleine Kinder belächelt. (...) Fragt überhaupt noch jemand, wie ein Palästina innerhalb von Gaza und Westbank mit Israel dazwischen wirklich funktionieren kann? Wie sollen sie denn in einem solchen Staatsgebilde leben? Darüber macht sich keiner Gedanken, und man leiert lieber das Mantra des Selbstbestimmungsrechts herunter. Dass die Siedlungen weg müssen, ist den meisten Israelis klar. Dass die meisten nicht verschwinden werden, ist ebenfalls klar. Die Siedler werden den Rückzug aus dem Gaza-Streifen so kostspielig machen, dass jeder weitere Rückzug Israel in bürgerkriegsähnliche Zustände versetzen kann. (...) Sharon kann sich nur noch auf die israelische Linke verlassen. Auf der anderen Seite wird Abbas von den Fanatikern boykottiert."

Süddeutsche Zeitung

"Zum Glück ist es kein Kurzstreckenlauf, zu dem Abbas angetreten ist. Der Start war miserabel (...) Aber über den Erfolg oder Nichterfolg dieser Präsidentschaft wird nicht in der ersten Woche entschieden. Sie gleicht dem langen Rennen über eine große Distanz. Abbas hat nach dem ersten Straucheln durchaus noch Chancen auf Erfolg. An bestimmten Voraussetzungen wird sich aber nichts ändern: Eine ist, dass Abbas die Militanten an den Zügel nimmt. Halbwegs bewährt hat es sich in ähnlichen Konflikten, solche gewaltbereiten Gruppen in die stattlichen Sicherheitsdienste einzureihen und mittels des Gehaltszettels zu kontrollieren. Das allein selig machende Mittel ist es aber nicht. Abbas bleibt nichts übrig, als im Dialog mit den Radikalen für seine Version eines Verhandlungsfriedens zu werben. Das wird umso schwieriger werden, je härter Israels Reaktionen auf den Terror ausfallen."

taz, Berlin "Die PLO hat die militanten Palästinensergruppen zur Einstellung ihrer Angriffe auf Israel aufgerufen. Die Gewalt liefere Israel eine Begründung für seine Militäreinsätze. Bei einem Treffen mit regierungsnahen Fatah-Vertretern hatten die beiden führenden militanten Palästinensergruppen aber einen Gewaltverzicht nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Abbas abgelehnt. (...) Bei seiner Amtseinführung sagte Abbas, er reiche Israel die Hand zum Frieden, und forderte eine Waffenruhe. Wie er der Gewalt Einhalt gebieten wolle, sagte er nicht." (APA/dpa)