Foto: Landestheater Linz/Christian Brachwitz
Linz - Zu ebener Erde herrscht Beziehungsfrust zwischen dem schweigenden, zeitungslesenden Vater und der bemüht-nervenden Mutter, die ihn auch nicht durch einen fordernden Griff zwischen seine Beine aus der Reserve locken kann. Was er besonders gerne liest: Berichte über Frauenmorde. Im ersten Stock prallen derweil die pubertierenden Kinder an die Leere im Parterre und üben den Inzest und das Zündeln. Die verbindenden Leitern dazwischen (Bühne: Renate Schuler) sind alles andere als Kommunikationshilfen, sondern Feuerleitern, Käfigwände, Aggressionsobjekte und Turngeräte.

Heidelinde Leutgöb (Regie) lässt Marius von Mayenburgs einfachen, aber hervorragend gebauten und sprachlich prägnanten Familienplot Feuergesicht zunächst kaum vom Fleck kommen. Sie reproduziert gewissermaßen die gähnende Abwesenheit äußerer Spannung, reduziert sie sogar in jener Szene auf Zeitlupe, als der "Fremde" in Gestalt des Freundes erstmals auf die Geschwister trifft.

Doch die innere Dramaturgie stimmt perfekt. Denn mit Pauls Eindringen in den Kokon der Geschwisterbeziehung baut sich auch im äußeren Ablauf des Geschehens jene Spannung auf, die schließlich zur Explosion führt.

Die Flamme der Brandstiftung, die der Sohn zuletzt auch an sich selbst legt, und die Ermordung der Eltern durchschlagen wuchtig den kleinfamiliären Raum, bevor der Verbrannte und die Verbliebenen in individuelle Asche zerfallen. Und dies alles wird in eindrucksvollen Bildern erzählt und choreografiert (Otto Pichler). Daniela Dett (Olga) und Manuel Rubey (ihr Bruder Kurt) spielen äußerst expressiv die Kinder, Katharina Bigus und Alfred Rauch die biederen Eltern.

Gute 200 Jahre früher modellierte Friedrich Schiller "zur Erholung nach Endigung der Braut" ein Lustspiel von Louis Benoît Picard zur Mobbing-Komödie Der Parasit um. Gerhard Willert (Regie), Georg Lindorfer (Bühne) und Alexandra Pitz (Kostüme) setzen in den Linzer Kammerspielen auf kargen Minimalismus in zeitgemäßen Erscheinungsbildern und vertrauen auf den Text, der allerdings recht häufig an der Oberfläche durch die Intrigantennetze surft.

Ein leerer, saunaartiger Raum aus auseinander gesetzten Brettern, durch die und auf denen geschickte Lichteffekte erzeugt werden, bildet den Rahmen. Dieser wird seinerseits permanent von Rauchschwaden umwabert, die als Verschleierungswolken fungieren. Einige durchsichtige Plastikstühle, moderne Kostüme durchwegs in Rottönen und eher spartanisch eingesetzte Komödiantik lenken die Konzentration zwar auf den raschen Sprachfluss und auf die Schauspieler, ermüden aber auch. Denn selten wird der Text quer gebürstet - das tut am ehesten die Musik von Christoph Coburger.

Das stets locker-heiter-coole Sittenbild eines heutigen Intriganten wird von Lutz Zeidler (Selicour) auf den Punkt gebracht: vom schiefen Lächeln über die Gestik bis zur überall hinwollenden Zunge. Alexander Swoboda (La Roche) darf mit einigen Gags arbeiten und tut dies auch gut.

Sigrun Schneggenburger vermag einige hervorragende Schlaglichter auf die Ziellosigkeit einer älteren Gesellschaftsdame zu werfen, Nicole Coulibaly verkörpert eine entschlossene Karrierefrau mittleren Alters. Zeitlose Intrigenmuster und ähnliche Erscheinungsformen können ein prägnantes Skelett abgeben - ein wenig mehr Fleisch daran wäre wünschenswert. (kann/DER STANDARD, Printausgabe, 18.01.2005)