Sind durch ihre Vergangenheit miteinander verbunden: die Jüdin Anda (Christa Schwertsik) und die Kriegsreporterin Petra (Alexandra M. Timmel).

Foto: Drachengasse
Wien - Der Aufbruch in ein neues Leben bedeutet im Falle von Anda Stein einen Aufbruch in die Vergangenheit. Hat die von ihrem Mann frisch verlassene Pensionistin nach Streifzügen durch ihr Haus in einem israelischen Vorort sämtliche Schallplatten in Kisten verpackt, so wird am schnöden Ablauf dieses Lebenswechsels noch hochdramatisch herumgedoktert werden. Denn an diesem Abend steht Petra Gruber im Türrahmen, eine 42-jährige Kölnerin, Beruf: Kriegsberichterstatterin.

Autor Joshua Sobol erklärt in seinem jüngsten Stück Liebe in dunklen Zeiten das eine Leben am anderen.

In der Erstinszenierung am Theater Drachengasse wächst dabei das psychologisch-realistische Schauspielerspiel von Christa Schwertsik (Anda) und Alexandra M. Timmel (Petra) die Wände hoch: tiefes Gefühl, explosive Wechsel, robustes Timing.

Wie beiläufig geraten die Frauen immer tiefer in ihre Geschichten, die schließlich eine weit zurückliegende Verkettung offenbaren: Petras Vater hat Anda im Krieg zur Flucht verholfen. Nur: Dieser Vater hat im russischen Arbeitslager Kaluga auch Massenexekutionen mitverantwortet!

Günter Treptows Inszenierung wütet mit Hang zur emotionalen Zuspitzung durch alle dramaturgischen Höhen und Hürden dieses Aufarbeitungsdramas hindurch und verspielt zunehmend an Glaubwürdigkeit. Dass manches lächerlich zu werden droht, mag an der Divergenz zwischen Vorlage und Produktion liegen.

Ein Betroffenheitstheater, das doch noch gut ausgeht, weil sich Tochter und Ersatzmutter finden. Dazwischen erinnerte die Klapptür der Hausbar mit lächerlichem Dingdong an ein "greifbareres" Leben. (afze/DER STANDARD, Printausgabe, 18.01.2005)