St. Pölten - Die geschäftsfördernde Idee mancher Gastronomen, Jugendliche durch Wetttrinkveranstaltungen in ihre Lokale zu locken, sei "zutiefst unverantwortlich", ärgert sich Alfred Uhl vom Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung. So auch die neueste Zuspitzung auf diesem Gebiet: so genannte Pisserpartys, die in Niederösterreichs Landeshauptstadt St. Pölten derzeit die Emotionen hochgehen lassen.

Wenig subtil ist das Konzept der Promilleschnäppchenjagden, die in weniger kompromisslosen Spielarten vielerorts bekannt sind: Den Gästen werden in nummerierten Gläsern gratis Alkoholmixgetränke ausgeschenkt, bis der erste von ihnen, von einem natürlichen Bedürfnis getrieben, die Absperrung zum Klo durchbricht.

Bei der ersten Pisserparty Anfang Jänner in der St. Pöltner Eventdisco La Boom geschah das nach rund einer Stunde. Danach mussten die Gäste ihre Drinks wieder voll bezahlen - angesichts der 700 Discobesucher kein schlechtes Geschäft.

"Schmale Geldbörsen"

Dieser enorme Gästeandrang wundert Uhl nicht. Veranstaltungen mit freiem Eintritt und ebensolchen Getränken seien für "Jugendliche mit schmalen Geldbörsen" eben äußerst attraktiv. Der Suchtexperte stößt sich vielmehr an dem "enthemmenden Effekt beim Alkoholkonsum", der von solchen Events ausgehe: Die Zahl von Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftungen in Spitäler eingeliefert werden, steige seit Jahren kontinuierlich an - einerseits, "weil dem Vorliegen solcher Vergiftung mehr als früher nachgeforscht wird".

Andererseits gebe es beim Vieltrinken Jugendlicher aber auch "Anzeichen eines Trends". Uhls Forderung daher: "Wetttrinkveranstaltungen mit Jugendlichen gehören verboten" - und zwar mittels einer Novelle der bundesweit geltenden Gewerbeordnung. Derzeit nämlich fehlten sämtlichen Behörden die Zugriffsmöglichkeiten: Stadt, Land und Bund konnten lediglich erreichen, dass große 16-Bogen-Plakate, die rund um St. Pölten für die Events warben, entfernt werden mussten.

Dass er keinen Gesetzen zuwiderhandle, betont auch der Partyorganisator Christian Brandstetter. Er hat den zweiten Pisserevent angeblich für Ende Jänner ins Auge gefasst. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 20.1.2005)