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Silvio Berlusconi fordert ein "Überdenken der italienischen Strompolitik".

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Rom - Die Front der Kernkraftbefürworter in Italien können mit einem prominenten Anhänger rechnen: Regierungschef Silvio Berlusconi. Der Ministerpräsident zeigte sich wegen der Stromversorgungsprobleme in Italien besorgt und sprach sich für eine Revision des Gesetzes, das im Land den Bau von Atomkraftwerken verbietet. Italien hatte 1987 per Volksabstimmung beschlossen, auf Atomstrom zu verzichten. Die bis dahin fertig gestellten vier Kernkraftwerke wurden stillgelegt.

Laut Experten ist Italien wegen dieses Beschlusses zu stark von Stromimporten abhängig geworden. Über 20 Prozent des nationalen Bedarfs kommen überwiegend aus Frankreich, der Schweiz und Österreich.

Bei der Einweihung einer neuen Stromleitung zwischen Italien und der Schweiz sprach Berlusconi von einem "Überdenken" der italienischen Strompolitik und eine Überlegung über den Gebrauch von Atomenergie. Der Verzicht auf Nuklearenergie habe dem Land viel gekostet, meinte er. Seine Worte sorgten für lebhafte Debatten in Italien.

"Feldzug der Atomkraftbefürworter"

"Wir werden uns von dem neuen Feldzug der Atomkraftbefürworter nicht einschüchtern lassen. Die Volksabstimmung über die Kernenergie hat Italien vor einer gefährlichen, veralteten und kostspieligen Energiepolitik gerettet. Diese Wahl hat immer noch die volle Zustimmung der Italiener", so der Sprecher der Grünen, Paolo Cento.

"Die Kosten der Atomkraftwerke sind enorm und keine Gemeinde für den Bau solcher Anlagen erlauben. Es würde zu großen Protesten kommen", sagte der Physiker Massimo Scalia. Ex-Parlamentarier der Grünen nach Angaben der römischen Tageszeitung "Il Messaggero".

"Italien muss die Stromquellen diversifizieren, und die Atomkraft ist der Eckpfeiler eines soliden Stromversorgungssystems", betonte der italienische Physiker Tullio Regge. Ihm zufolge sollten die Atomkraftwerke in Stand gesetzt werden, die nach der Volksabstimmung gesperrt worden waren. Auf diese Weise könnte Italien über mindestens 3.000 Megawatt Strom mehr verfügen. "Um die Atomenergie ist aus politischen Gründen eine Debatte mit Katastrophenängsten genährt worden. Dabei sind die Fortschritte in der Sicherheit der modernen Kraftwerke enorm", sagte der Physiker.

Der italienische Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia meinte, die einzige Lösung, um die Engpässe im Stromversorgungsbereich zu überwinden, sei die Förderung von Sonnen- und Kernenergie. Der Präsident des nationalen Verbands zur Förderung der Atomenergie, Ugo Spezia, meinte dagegen, die Zeit sei gekommen, um in Italien wieder die Debatte über die Kernkraftwerke in die Wege zu leiten. 20 Monate könnten genügen, um die Kraftwerke wieder in Gang zu setzen, die nach dem Referendum gesperrt wurden.

Zahlreiche Projekte

Nach dem Schock von Tschernobyl 1986 und nach der Volksabstimmung hatte Italien seinen Energieversorgungsplan revidiert. Zwar gibt es derzeit 19 genehmigte Projekte für traditionelle Kraftwerke mit einer Kapazität von an die 12.000 Megawatt, doch wurde bisher nur in den wenigsten Fällen mit dem Bau begonnen. Dies ist zum Teil dem Protest von Bürgerbewegungen und Umweltschutzorganisationen zuzuschreiben, die keine Kraftwerke in ihren Gemeinden haben wollen.

Im September 2003 war es in Italien zu einem landesweiten Blackout gekommen, bei dem das Land mehrere Stunden lang ohne Strom geblieben war. Seitdem sind die Forderungen nach einem effizienteren Stromversorgungssystem gewachsen. (APA)