Kunduz - In Afghanistan sieht die Armut anders aus: Acht Frauen, von Kopf bis Fuß verhüllt, sitzen wie aufgefädelt auf eiskaltem Boden. Sie warten - an die Wände eines Sozialzentrums in Kunduz gelehnt - auf Gaben: auf Reis, Kartoffeln oder Bohnen. Ihre hellblauen Burkas sind schmutzig, weil die Straßen in Nord-Afghanistan aus Erde bestehen. Ihre Burkas sind auch erschreckend. Sie zeigen, wie es um die Frauenrechte drei Jahre nach dem Sturz der radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan steht.

Auch innerhalb Gebäude sind Frauenrechte ein Thema. Die Leiterin der Sozialzentrums, Maria Jan, betont gegenüber österreichischen Journalisten: "Frauen können nicht tun, was sie wollen. Männer schon." Manche Frauen dürfen ohne männliche Begleitung ihr Haus nicht verlassen. Manche Männer lassen ihre Frauen nicht zum Arzt, sagt die Afghanin, während ihr das Kopftuch wieder einmal vom Haupt rutscht. "Das ist Tradition", ergänzt Mahbuba Heidar, Schuldirektorin in Kunduz: "Männer wollen Druck auf Frauen ausüben." Seit dem Taliban-Regime habe sich jedoch viel verbessert.

Eine Studie von Caritas International belegt: Eine Frau, die in Afghanistan zur Welt kommt, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit in Armut leben als ein Mann. Alleinstehende Frauen sind weitgehend isoliert. Frauen, die keinen Ehemann haben, erhalten das niedrigste Einkommen, erkranken statistisch gesehen am häufigsten. Mangelernährung führt zu Tuberkulose oder anderen Infektionskrankheiten. Die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt. Viele Mütter überleben die Geburt ihres Babys nicht. Knapp die Hälfte der Männer sind Analphabeten, bei den Frauen sind es 80 Prozent, schätzte die UNESCO Ende 2003. Wie heißt es doch in der neuen afghanischen Verfassung wie auch im Islam? Frauen und Männer sind gleich?

Maria Jans Sozialzentrum ist Teil eines Hilfsprojekts, das der oberösterreichische Unternehmer Otto Hirsch und Peter Quendler von der Caritas Kärnten vor zwei Jahren errichtet haben. Eine Schule für 200 Mädchen und Buben gibt es hier noch, sowie einen Kindergarten für 50 Kinder, eine Nähwerkstätte für 40 Frauen und ein Internetcafe. In Afghanistan, das also großteils aus Analphabeten besteht, strebt mittlerweile die Jugend nach Bildung. "Ich lerne Englisch, weil ich etwas für mein Land tun will und für die Gesellschaft", sagt Sami stolz in perfektem Englisch mit amerikanischen Akzent. Der Schüler lernt nicht nur in der Schule. Seit vier Jahren geht er täglich auf den Markt, weil dort Englisch unterrichtet wird.

Viele Frauen, die unter den Taliban an das Haus gefesselt waren, drängen nun auf den Arbeitsmarkt. Es sind besonders Frauen, die arm sind und ihre Männer im Krieg verloren haben, die in der Schneiderei des Projekts Arbeit finden. Die 50 US-Dollar pro Monat können die Witwen dringend brauchen: Vom Staat gibt es nämlich nichts und Kinder müssen ernährt werden. "Täglich haben wir Bewerbungen, aber nicht genügend Plätze", erzählt die Produktionsleiterin der kleinen Textilfabrik, Lamia Jan.

Auch Quendler, der mit 68 Jahren längst in den verdienten Ruhestand treten könnte, betont, wie sehr die Nähwerkstätte auch Prestigeobjekt ist. "Delegationen des Gouverneurs kommen her, um zu zeigen, was die Regierung für die Frauen macht." Die Schneiderei ist auch Beispiel: Sie soll in ein, zwei Jahren die "cash cow" werden, sagt Hirsch. Sie soll so wirtschaften, dass sie die übrigen Einrichtungen mitträgt und keine Unterstützung aus dem Ausland mehr notwendig ist. Das Projekt wird unter anderem von Spenden finanziert, von der österreichischen Entwicklungshilfe-Agentur (ADA), dem Land Oberösterreich und einigen Caritas-Organisationen. Gekostet hat es bisher rund eine Million Euro.

Maria Jan hat unterdessen ihre Arbeit getan. Sie stülpt sich vor dem Nach-Hause-Gehen noch schnell die Burka über den Kopf. Gefangen in diesem Kaftan sieht sie Kunduz nur mehr durch ein faustgroßes blaues Gitternetz.

( S E R V I C E : Solidarität gegen den Krieg - Ein Projekt der österreichischen Wirtschaft und der Caritas für Menschen in Afghanistan. Spendenkonto: Kärntner Sparkasse, Kontonummer 0000 - 00 55 87 BLZ 20706 oder: Oberbank Linz, Konto 621 - 0203.20 BLZ 15000. http://www.sgk-caritas.com