Wien - Der Österreichische Staatsvertrag von 1955 dient im heurigen Jubiläumsjahr als Anlass für so manchen Event - so auch für die kleine Ausstellung "Was vor 300 Jahren geschah" im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, einer Abteilung des Österreichischen Staatsarchives. Da nach Meinung des Direktors Leopold Auer "das historische Gedächtnis tiefer in die Vergangenheit zurück greifen muss als fünfzig Jahre", entschied man sich für das Jahr 1705, das Todesjahr Leopold I. Zu sehen sind 119 Dokumente, die die Begebenheiten dieses Jahres thematisieren, wie Leopolds Testament oder ein Verhörprotokoll nach der Festnahme des Räubers Jakob Modler.

Ausstellung in zehn Kapiteln

Auch wenn der Zusammenhang zwischen 1955 und 1705 nicht auf den ersten Blick ersichtlich sei, "haben die Auswirkungen der Kriege von 1705 doch die politischen Verhältnisse weltweit für die nächsten 200 Jahre bestimmt", so Auer. Russland sei ins Baltikum vorgedrungen oder die Habsburgermonarchie zur europäischen Großmacht aufgestiegen. Maria Theresia als Figur der europäischen Geschichte etwa wäre ohne das Ergebnis des Spanischen Erbfolgekrieges nicht möglich gewesen.

Die Ausstellung ist in zehn Kapitel gegliedert, darunter "Zeitgenössische Publizistik", "Europa im Krieg", "Religion und Kultur" oder "Hof und Alltag". Zu sehen sind unter anderem ein Schreibkalender Leopolds I., Ehepakte von Hofdamen des Hofstaates, eine Anleitung zum Glücksspiel "Die königliche Eiche", die Anzeige der Verhaftung einer Diebsbande im Weinviertel, das Kondolenzschreiben von Papst Clemens XI. zum Tod Kaiser Leopolds I. oder das Patent Kaiser Josephs I. gegen Zigeuner, Landstreicher und Bettler.

Gründung als "Geheimes Hausarchiv"

Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv wurde 1749 als "Geheimes Hausarchiv" gegründet, um die Rechts- und Herrschaftstitel des Hauses Habsburg zentral in der Residenzstadt zu lagern. Heute sind im Archivbau an die 150.000 archivalische Akteneinheiten untergebracht, darunter 80.000 Urkunden und 3.000 Handschriften zu Politik, Kultur, Wirtschaft und Verwaltung. Zu den Pretiosen gehören der Schlussakt des Wiener Kongresses von 1815 oder Verträge zum Westfälischen Frieden von 1648. "Würde man den gesamten Bestand des Österreichischen Staatsarchives in einer Reihe aufstellen, so betrüge diese geschätzte 200 Kilometer", erzählte Direktor Auer. "Unser Anteil macht vielleicht ein Zehntel davon aus".

Üblicherweise besteht das Publikum des Archivs aus Fachleuten, die sich für historische Dokumente interessieren. "Unsere Arbeit ist meistens nicht spektakulär, hauptsächlich ist es ein archivarischer Kampf gegen die Zeit", so Auer. Diesmal hoffe man aber auf größeres Interesse im Zuge der Staatsvertrags-Jubiläen. Und immerhin kann man bei der Schau auch erfahren, dass Leopold I. unter Historikern als berüchtigter Schmierfink gilt, dessen Handschrift kaum leserlich ist, oder dass Joseph I ein legendärer Womanizer war, der während langweiliger Sitzungen gern Figuren in sein Protokoll zeichnete. (APA)