Wien - Roland L. braucht keinen Psychologen. Er ist selbst einer. Er hat sich auch bereits durchschaut. "Menschen wie ich sollten niemals in ein Auto steigen", weiß er. "Der Verkehr macht ihn wahnsinnig", bestätigt sein Verteidiger: "Zu Fuß ist er der friedlichste und gemütlichste Mann der Welt."

Die Anklage wirft ihm Sachbeschädigung vor. Er hat einem Mercedes das Hinterteil eingedrückt und einem Audi die Frontpartie abmontiert - gleichzeitig sogar. Leider nicht mit der Hand, da wäre der Schaden etwas geringer ausgefallen. Er verwendete dafür seinen (Ex-)Renault, Baujahr 1992, "mein letztes Auto für immer", wie er beteuert.

Ein grausamer Abend

"Er ist da wie ein Wilder hineingedonnert", ereifert sich der Staatsanwalt. "Wenn man ihm zuhört, kann man's nachvollziehen", verspricht sein Anwalt. Also darf er von dem "grausamen Novemberabend" erzählen. Um 17.30 hätte sein Vortrag in Stockerau beginnen sollen. - Um 17.35 Uhr stand sein Auto vor einer roten Ampel an der Donauuferstraße, und er saß drinnen.

Er war "in einem absoluten Ausnahmezustand". Während sein Gesicht die rote Farbe beibehielt, wechselte die Ampel zum fünften Male vor seinen Augen auf Grün. "Und schon wieder ist so ein Vollidiot in die Kreuzung hineingefahren!" - "Sie brauchen nicht so zu schreien", schreit der Staatsanwalt.

"Und dann?", fragt die Bezirksrichterin. "Dann bin ich aufs Gas gestiegen." Zu welchem Zweck? - "Er hat irgendwie versucht, ob er nicht doch vielleicht zwischen den beiden Wagen durchkommt", sagt sein Verteidiger. (Der Spalt war immerhin zwei Meter breit, mit dem Fahrrad wäre es sich bequem ausgegangen.)

Endlich freie Fahrt

"Nein, ich muss zugeben, ich hab die Nerven verloren, ich hab durchgedreht", sagt der Beschuldigte. "Das ist ein Milderungsgrund", freut sich die Richterin. (Sie meint das reumütige Geständnis.) Blöd, dass er nach dem Crash nicht stehen geblieben ist. "Das war psychologisch", erklärt der Psychologe: "Ich hab endlich freie Fahrt gehabt." Wenn auch nur für ein paar Meter. Dann blieb der rauchende Renault von sich aus stehen.

Der Schaden ist inzwischen beglichen. "Und Sie haben wirklich kein Auto mehr?", fragt die Richterin. "Nein, nur ein Pferd", erwidert der Beschuldigte. Gehört allerdings der Tochter. Der Prozess wird vertagt. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 26.01.2005)