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Blackouts wie jenes in Rom im September 2003 könnten sich in Europa schon bald häufen.

Foto: Reuters/Pierdomenico
Wien - Der Stromversorgung in Europa droht ab dem Jahr 2010 eine rapide Verschlechterung. Laut einem neuen Ausblick der Netzbetreiber-Vereinigung UCTE reichen die jetzigen Erzeugungskapazitäten nur noch bis dahin, um den Strombedarf zu decken.

Diese Durchschnittsbetrachtung sage aber nichts über einzelne Regionen. Schon heute gebe es gefährdete "Hot-Spots" zwischen einzelnen Ländern, wo die Leitungsverbindungen nicht mehr ausreichen, warnte am Freitag die Verbund-Netztochter APG vor Journalisten. In Österreich sehen APG und auch die E-Control wegen der fehlenden 380-kV-Leitung die Gefahr einer Abkoppelung des Südens vom Norden.

Europaweit 40 Kraftwerke zuwenig

Europaweit werden laut UTCE ab 2010 bis etwa 2015 rund 30.000 Megawatt (MW) an Kraftwerkskapazitäten fehlen, etwa 40 große moderne Erdgaskraftwerke. In Österreich seien laut TU Wien rund 3.000 MW an neuen Kapazitäten nötig, sagte APG-Vorstandsdirektor Heinz Kaupa in einem Pressegespräch. Die jährlich 2 Prozent Stromverbrauchszuwachs würden europaweit jedes Jahr den Bau von "40 mal Freudenau" erfordern. Selbst bei der Errichtung aller geplanten Einheiten drohe immer noch eine Lücke von zumindest 30 GW.

Als neues Problem für die Netzstabilität in Mitteleuropa erweise sich nunmehr die Windkraft. "Immer mehr ungewollte Stromdurchflüsse treiben uns an die technischen Grenzen", so der Vorstand der Verbund-Austrian Power Grid. Sollte in Deutschland die Windkraft wirklich bis auf 50.000 MW ausgebaut werden, wie dies in einer neuen Studie für möglich gehalten wird, würde dies 1.200 km 380-kV-Leitung nötig machen. Derzeit liegt Deutschland bei 17.000 MW, weitere 10.000 MW könnten schon in den nächsten Jahren hinzukommen.

Durch den Windkraft-Ausbau in Österreich auf annähernd 700 MW habe die APG alle ihre Möglichkeiten bei der Ausgleichsenergie, die in der Gegend von 300 MW lägen, schon voll ausgeschöpft. Kaupa: "Wenn wir in zwei Jahren auf 1.000 MW kommen, haben wir massive Netzprobleme."

"Beinahe-Blackout" häufen sich

In Österreich steige die Häufigkeit von "Beinahe-Blackouts" rapide an, zuletzt etwa in der Nacht vom 3. auf den 4. Jänner dieses Jahres, als durch den einsetzenden Sturm 500 MW Leistung aus Windanlagen im Norden in das heimische Stromnetz gingen - laut Kaupa weitaus mehr als prognostiziert war. Da sich dafür kein Verbraucher fand, mussten die Pumpen in den Speicherkraftwerken als Notfallmaßnahme angefahren werden, um den Strom zu verbrauchen. Dies wiederum habe zu einer kritischen Netzüberlastung geführt, die durch zusätzlichen Einsatz kalorischer Kraftwerke im Süden Österreichs zu kompensieren war.

Solche Fälle würden zeigen, dass die Fertigstellung des 380-kV-Ringes dringend erforderlich sei, um die Versorgungssicherheit aufrecht erhalten zu können, so Kaupa. Sonst drohe mittelfristig womöglich eine Abkoppelung von Strom-Regionen, vermehrter Strom-Import aus Hochpreisregionen wie etwa Norditalien "und auch gezielte Teilabschaltungen von Großverbrauchern unter vollem Kostenersatz für die betroffenen Unternehmen". Der massive Wintereinbruch dieser Woche habe für das Hochspannungsnetz dagegen kein Problem dargestellt: "Wir haben den Schnee, die Kälte und das Eis gut bewältigt."

E-Control drängt neuerlich auf fehlendes 380-kV-Teilstück

Vor einem Auseinanderdriften der Strom-Regionen Nord- und Südösterreich hatte am Mittwoch auch E-Control-Chef Walter Boltz gewarnt. Sollte das fehlende 380-kV-Teilstück zwischen Burgenland und Steiermark nicht bis 2007 oder 2008 fertig sein, "dann könnten wir in die Problematik hineinlaufen, dass der Markt zweigeteilt werden müsste." Boltz zum langen Genehmigungsverfahren für die Leitung: "Die Politik in der Steiermark hat den Ernst der Lage offenbar nicht erkannt." (APA)