Davos - Die Wachstumsschwäche der Europäischen Union war als eines von zwölf Themen im Mittelpunkt des Weltwirtschaftsforums in Davos gestanden, das am Sonntag zu Ende ging. Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso forderte die Regierungen der Mitgliedstaaten auf, ihre Strategien zur Liberalisierung des Marktes zu überdenken. Die meisten der anwesenden Wirtschaftsexperten erkannten im Arbeitsmarkt die größten Schwächen der EU-Mitglieder.

So erklärte der Vorstandsvorsitzende des Pharma-Konzerns Pfizer, Henry McKinnell, in Europa steige mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer über 50 Jahre aus dem Arbeitsmarkt aus. Viele erhielten dafür sogar noch einen finanziellen Anreiz. "Das sind Ihre am besten ausgebildeten und erfahrendsten Mitarbeiter", sagte er bei einer Diskussion dem EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Noch vor zehn Jahren sei in Europa und den USA etwa gleich viel in die pharmazeutische Forschung investiert worden. Heute sei die Summe in den USA doppelt so hoch wie in Europa.

Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft in der Europäischen Union nur um zwei Prozent. Berufstätig sind 63 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, als Ziel hatten die Mitglieder für 2010 70 Prozent vereinbart. Nach der Strategie, auf die sich die EU-Mitglieder 2000 in Lissabon geeinigt hatten, sollen die Länder mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben, die Bürokratie einschränken und die Bildungsausgaben erhöhen. "Das Gesamtziel ist richtig, aber die Umsetzung ist schlecht", sagte Barroso am Samstag in Davos. Er will am Mittwoch eine detailliertere Strategie vorstellen.

Integration von China und Indien

Neben der EU waren der Irak, der Iran, Indien, China und Nordkorea wichtige Themen des Forums. Der scheidende US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick sprach sich für eine stärkere Integration Chinas und Indiens in den Welthandel aus. "Dies sind zwei aufstrebende Wirtschaftsmächte", sagte er am Samstag. "Es ist deshalb wichtig, dass wir sie in das System integrieren". Die USA erhoffen sich offenbar von einer stärkeren Einbindung Indiens und Chinas einen Abbau ihres Handelsbilanzdefizits.

Der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, sprach ebenfalls am Samstag in Davos. Er ging nicht direkt auf die aktuellen Wechselkursunterschiede zwischen Euro und Dollar ein, sagte aber, dass deutliche Aufwärtsbewegungen des Euros nicht wünschenswert seien.

Atomkrise in Nordkorea

Südkorea hofft in diesem Jahr auf eine Lösung der nordkoreanischen Atomkrise. Wenn Nordkorea sein Atomprogramm stoppe, könnte der nordkoreanische Staatschefs Kim Jong Il möglicherweise schon im November am APEC-Gipfeltreffen in Südkorea teilnehmen, sagte der südkoreanische Minister für die Wiedervereinigung, Chung Dong Young, am Sonntag in Davos. Südkorea wäre in diesem Fall zu weitgehender Wirtschaftshilfe bereit.

Vertreter von rund 30 führenden Handelsnationen verständigten sich am Rande des Weltwirtschaftsforums darauf, die Gespräche über einen Vertrag zur Liberalisierung des Welthandels zu beschleunigen. Dies sei der Anstoß für den politischen Prozess, der notwendig sei, um die Verhandlungen auf den richtige Weg zu bringen, sagte der Schweizer Wirtschaftsminister Joseph Deiss als Gastgeber des Treffens am Samstag. Der Vertrag über eine neue Welthandelsordnung soll nach mehrfachen Verzögerungen in elf Monaten auf einer Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong zum Abschluss gebracht werden. Die Gespräche begannen bereits 2001. (APA/AP)