Das kleine savoyische Alpenstädtchen Bonneville wird im Frühling Schlagzeilen machen: Auf der französischen Seite des Montblanc-Tunnels beginnt heute Montag der Monsterprozess nach einer der schlimmsten Verkehrstragödien Europas. Im adaptierten Dorfsaal treffen 16 Angeklagte, dutzende von Zeugen, mehr als 200 Zivilkläger und ein noch zahlreicheres Publikum zusammen.

Am 24. März 1999 geriet ein belgischer Kühlwagen im Tunnel in Brand und löste auf einer Länge von fast einem Kilometer ein Flammenmeer aus, in dem 39 Insassen von Privatfahrzeugen aus Frankreich, Italien, der Schweiz und Slowenien verbrannten oder erstickten. Angeklagt sind neben dem Chauffeur auch die Lkw-Firma Volvo und die franko-italienische Betreibergesellschaft ATMB.

Vorwürfe gegen Tunnelbetreiber

Der Fahrer muss auf die Fragen antworten, ob er einen Zigarettenstummel fortgeworfen habe und ob es ein Fehler gewesen sei, mitten im Tunnel anzuhalten, als ihn entgegenkommende Fahrzeuge durch Lichthupen auf Rauchschwaden am Lkw-Hinterteil aufmerksam machten. Allerdings meinte der heute 62-jährige Trucker, ihn treffe keinerlei Verschulden.

Volvo muss sich wegen des Luftfiltersystems seiner Laster rechtfertigen. Gerüchteweise stellte ein interner Bericht eine Fehlkonstruktion fest. Ob aber ein Kurzschluss oder eine Zigarette den Brand auslöste, steht auch nach zahlreichen Expertisen nicht fest.

Am stärksten werden sich die Anwälte der Hinterbliebenen allerdings auf die Tunnelbetreiberin einschießen. ATMB sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Sicherheit aus finanziellen Rücksichten vernachlässigt zu haben. Einem Bericht der Brandexperten zufolge hatte es nur 1975 und 1989 große Rettungsübungen gegeben.

Mangelhafte Koordination

Zudem war die Koordination in Sicherheitsfragen zwischen der französischen und italienischen Seite mangelhaft. Verantworten muss sich zudem die italienische Seite, weil dort die Ventilatoren nach Brandbeginn Frischluft in den Tunnel bliesen, anstatt Rauch abzusaugen. Dies fiel umso schwerer ins Gewicht, als es keinen Service- oder Rettungstunnel gab.

Der im Frühjahr 2002 wiedereröffnete Tunnel ist mit dem alten nicht vergleichbar: Er verfügt über zwei Fluchttunnels. Italien hat 13,5 Millionen Euro als Entschädigung auf ein Sperrkonto einbezahlt. Dies soll aber kein Schuldeingeständnis sein. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD; Printausgabe, 31.1.2005)