Was für eine Szene, die sich gestern vor der Zentrale der deutschen Grünen in Berlin abgespielt hat: Der heimliche Parteichef, "Gottvater" Joschka Fischer, erklärt reuevoll, er übernehme in der Visa-Affäre die volle politische Verantwortung und werde selbstverständlich im Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Angelegenheit beitragen.

Spät, sehr spät, hat sich der sonst so selbstsichere deutsche Außenminister damit zum Vorwurf geäußert, seine Politik habe den massenhaften Missbrauch von Einreisevisa begünstigt - auch noch zu einem Zeitpunkt, als das Außenamt bereits von den Missständen informiert war. Lange Zeit dachte Fischer, der von CDU/CSU durchgesetzte Untersuchungsausschuss könne ihm - dem beliebtesten Politiker Deutschlands - nichts anhaben. Also ignorierte er die Vorwürfe. Sollte sich die Opposition doch an seinem bisherigen Stellvertreter im Außenamt, Ludger Volmer, der damals den entsprechenden Erlass herausgab, abarbeiten. Doch nun, da Volmer seine Ämter niedergelegt hat, steht Fischer ohne Deckung im Visier der Union. Vom Untersuchungsausschuss wird er sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen: Hat er von den Vorwürfen gegen sein Haus gewusst? Wenn ja, warum reagierte er nicht? Wenn nein, hat er als Chef vielleicht seinen Laden nicht im Griff?

Dass Fischer nun die politische Verantwortung übernommen hat, beendet die Causa nicht. Im Gegenteil: Die Arbeit im Ausschuss fängt jetzt erst richtig an. Natürlich bedeutet ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss auch immer eine Portion Theaterdonner, schließlich muss die Gegenseite die Gelegenheit zur Profilierung nutzen. Die Opposition wird dies im Fall Fischer ausführlich tun und alles versuchen, um den Außenminister weiterhin unter Druck zu setzen. Die ersten Kratzer im Lack hat sich Fischer jedoch mit seinem hartnäckigen Schweigen und dem Ignorieren der Affäre selbst zugefügt. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2005)