Die Anschuldigungen gegen Syrien im Fall der Ermordung des libanesischen Expremiers Rafik Hariri scheinen ein logischer Reflex. Hariri, der spät berufene Oppositionspolitiker, ist für einen Abzug der Syrer, die Syrer wollen nicht, bumm. Bei näherer Betrachtung kommt man jedoch zum Schluss, dass das offizielle Syrien aber auch schon gar keinen Vorteil von den Vorgängen hat, im Gegenteil. Sie führen zu dem, was Damaskus verabscheut: ein noch größeres internationales Interesse an und Eingreifen in libanesische Angelegenheiten. Das Attentat kam noch dazu in einem Moment, in dem sich die Dinge zu bewegen begannen. Der UNO-Sonderbeauftragte Terje Roed-Larsen, der im April über den Stand der Umsetzung der antisyrischen UNO-Resolution 1559 berichten soll, hatte offensichtlich mit Syrien eine gesichtswahrende Möglichkeit erarbeitet, wie in der Resolution vorgeschriebene Schritte zum Rückzug aus dem Libanon zu tun seien: Sie sollten unter dem Titel "Erfüllung des Taif-Vertrags" (mit dem 1989 der libanesische Bürgerkrieg beendet wurde) laufen. Mit dieser Annäherung war übrigens auch Hariri einverstanden, wie er selbst in einem Interview vor seinem Tod sagte. Der Finger - der USA - auf Damaskus gibt nun den eskalierenden Kräften wieder Auftrieb. Eher vermittelnd ist in dem libanesisch-syrischen Spiel die Rolle der Hisbollah, und so machen auch die Beschuldigungen gegen sie wenig Sinn. Obwohl ihre Beziehungen zu Damaskus bekannt sind, hat sie sich nie auf die Seite der Syrien-Loyalisten im Libanon geschlagen: Zu innenpolitisch unklug wäre es gewesen, die libanesische Opposition gegen sich aufzubringen. Bleibt das antisaudische Motiv, das heißt, ein Kaida-Hintergrund. Hariri mit seinen engen Verbindungen zum Königreich war ein symbolträchtiges Ziel, wie überhaupt Beirut, wo tagtäglich männliche saudi-arabische Touristen und Geschäftsleute alles das tun, was sie zu Hause nicht dürfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)