Freudig und stolz besingt die Europahymne den Kern des Friedensprojekts EU: "Alle Menschen werden Brüder." Mieselsüchtig und kleinmütig wird der Text in Österreich ins Gegenteil verkehrt: "Alle Menschen samma z’wider." Die Abwandlung von Kurt Sowinetz spiegelt die Melange aus Skepsis und Ablehnung wider, die in Österreich die Grundstimmung zur EU beherrscht. In der neuen Eurobarometer-Umfrage sind Österreicher Europameister: Nirgendwo sonst werden weitere Beitritte so energisch abgelehnt, dürftige 28 Prozent sind für eine größere EU. Das Ergebnis ist unerfreulich, aber nicht überraschend. Schon bei der Osterweiterung änderte die Nachbarschaft Österreichs zu neuen EU-Staaten nichts daran, dass die Fremdenfeindlichkeit eine große Koalition mit der Zukunftsangst einging und die Beitritte abgelehnt wurden. Ökonomisch oder sonst wie logisch war das nicht: Österreich profitierte am meisten vom Ende des Ostblocks und der Integration der exkommunistischen Länder. Auch die über Plakate und Schlagzeilen geschürten Ängste vor der Massenzuwanderung sind von der Realität widerlegt: Die auch von Österreich ertrotzten Übergangsfristen für die neuen EU-Staaten sind sogar zu lang. Von solchen Fakten bleibt die negative Gemengelage unbeeindruckt, konsequent werden weitere Erweiterungen abgelehnt. Da sich zur Mehrheit nicht durchgesprochen hat, dass Rumänien und Bulgarien bald und Kroatien in absehbarer Zeit beitreten, ist es der mögliche ferne Türkei- Beitritt, der die öffentliche Meinung auf "Njet" stellt. Daran hat die Innenpolitik erheblich Mitschuld: Wenn Kanzler Wolfgang Schüssel in Brüssel "Ja" zu Türkei-Verhandlungen sagt, in Wien hingegen das "Aber" betont, wenn FPÖ und SPÖ mehrheitlich gegen die Türkei polemisieren, darf sich niemand wundern, dass das Nein zur Erweiterung Spitzenwerte erreicht. Dieses Muster der politischen Verstärkung von Ängsten zieht sich quer durch den Umgang Österreichs mit der EU. Über zehn Jahre nach dem Beitritt begreift sich Österreich nicht als einer von 25, sondern als einer gegen 24: Politiker befällt auf dem Heimflug aus Brüssel die jähe Amnesie, gemeinsame Beschlüsse werden nicht verteidigt, sondern bekämpft. Wenn eine EU-Richtlinie umgesetzt wird, die Fortschritte für Umwelt oder Wirtschaft bringt, wird der Stempel "Österreich" draufgedrückt - für alles Negative hingegen muss "Brüssel" als Sündenbock herhalten. Und an ungeschickten Verhandlungen, etwa beim Dauerbrenner Transit, sind immer die anderen schuld. Die Konsequenz dieser Verhaltensmuster lässt sich in der Eurobarometer-Umfrage ablesen: Nur eine Minderheit der Österreicher findet die EU gut. Natürlich gibt es für die Skepsis Mitschuldige. Etwa die mediale Lage: In allen EU- Staaten mit dominantem Boulevardsektor hat die EU ein Negativimage - kein Wunder, wenn sich die EU-Berichterstattung in Spesenstorys erschöpft. Oder die EU-Institutionen selbst: In ihrer Mischung aus Intransparenz, Abgehobenheit und Bürokratie erschweren sie die Sicht auf die Vorteile der Union. Daher hat EU-Kommunikationskommissarin Margot Wallström schon Recht, wenn sie Eurokraten verständliche Sprache verordnen und den Dialog mit den Bürgern forcieren will. Den Schwerpunkt ihrer Sisyphusaufgabe, Europa den Bürgern näher zu bringen, sieht Wallström aber in engerer Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten. Ist sie doch überzeugt, dass nur durch Debatten auf lokaler Ebene das Bewusstsein für Europa gestärkt werden kann. Das würde Österreichs Politiker zwingen, die EU nicht als etwas Fernes, Feindliches zu vermitteln - sondern als Gruppe, in der Österreich Mitglied ist. Bei Teilen der Bevölkerung hätten sie dabei leichtes Spiel: Je jünger und gebildeter die Befragten sind, desto geringer fällt die Ablehnung der EU und der Erweiterung aus. So weit zum Positiven der Eurobarometer-Umfrage: Die Jungen sind in Europa angekommen. Es wird Zeit, dass die Politiker ihnen folgen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)