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Mitarbeiterinnen im Handel gelten wegen des hohen Anteils an Teilzeitbeschäftigten als besonders flexibel. Im Lebensmittelhandel ist der Streit um Überstunden nichts Seltenes.

Foto: APA/dpa/Roland Weihrauch
Wien - Vierzehn Tage haben die Sozialpartner neuerlich von Arbeitsminister Martin Bartenstein Zeit bekommen, sich zur Arbeitszeitflexibilisierung den Kopf zu zerbrechen. Die Debatte läuft in vielerlei Facetten seit dem Sommer 2004, zuletzt hat sich klar herauskristallisiert, dass es der Arbeitgeberseite vorrangig um eine Lohnkostensenkung über den Abbau der jährlich 110 Millionen zuschlagspflichtigen Überstunden geht.

Das große Feilschen hat begonnen: Bis zu 400.000 Arbeitnehmer sind betroffen, je nach Schätzung geht es um 300 bis 550 Millionen Euro, die Industrie nennt sogar eine Milliarde Euro an möglicher Kostenersparnis. Fest steht: "Wir wollen eine Minimierung der Überstunden in einen zumindest einjährigen Durchrechnungszeitraum.

Standortverbesserung kein Lohnraub

Das wäre eine Standortverbesserung und kein Lohnraub. Die Gretchenfrage ist aber, wie schaffe ich eine Win-Win-Situation für beide Seiten", sagte Wirtschaftskammer-Generalsekretär Reinhold Mitterlehner zum STANDARD.

Die Arbeitnehmervertreter weichen offiziell keinen Millimeter von ihrer Hauptforderung ab, dass jeder Flexibilisierungsschritt nur auf Kollektivvertragsebene und nicht per Betriebs- oder gar Einzelvereinbarung kommen dürfe - und simple Lohnkürzungen sowieso nicht akzeptiert würden. Innovativen Zeitarbeitsmodellen steht man aber offen gegenüber, heißt es immer öfter. Wirtschaftsforscher teilen diese Meinung.

Lohnsenkung "falsch"

Der neue Wifo-Chef Karl Aiginger sagte vor Kurzem, man solle die Flexibilisierungs- mit der Weiterbildungsfrage kombinieren. Wenn die Arbeitnehmer bereit seien, etwa im Sommer mehr zu arbeiten, könnte im Winter Zeit für eine Zusatzausbildung sein. Lohnsenkungen seien für Österreich jedenfalls die "falsche Strategie".

Worte, die auch von Richard Leutner, dem leitenden Sekretär im ÖGB stammen könnten. Der Gewerkschafter sagte zum STANDARD: "Denkbar ist vieles, das meiste gibt es in diversen Kollektivverträgen auch schon.

Wir könnten über wesentlich attraktivere Zeitausgleichsmodelle reden, familienfreundliche Lösungen mit Wahlmöglichkeiten für junge Eltern oder Kombinationen der Flexibilisierung mit einer Arbeitszeitverkürzung wie in der Bauwirtschaft."

Ergebnisoffene Verhandlungen

Das Verhandlungsergebnis ist offen. Ziemlich fix scheint nur, dass der Durchrechnungszeitraum von heute vier Monaten auf ein Jahr - gemäß Empfehlung einer neuen EU-Richtlinie - erweitert wird. Dafür macht sich auch Bartenstein stark, notfalls mit einem neuen Arbeitszeitgesetz.

Innerhalb dieses Zeitrahmens könnten Mehrarbeit in Spitzenzeiten und kürzere Arbeitswochen Überstunden schonend ausgeglichen werden. Die Wirtschaft will, dass in Spitzenzeiten bis zu 60 Stunden pro Woche - ohne Überstundenzuschläge - gearbeitet werden kann und in manchen Wochen des Jahres die Arbeitszeit dafür deutlich zurückgefahren wird.

Letztlich immer noch anfallende Überstunden würden in diesem Modell erst am Jahresende, nicht schon am Monatsende abgerechnet werden. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.02.2005)