So gut wie alle europäischen Politiker, die in den nächsten Tagen mit dem US-Präsidenten zusammenkommen werden, hoffen auf eine Verbesserung des Gesprächsklimas. Zu gefährlich wäre es, wenn US-Amerikaner und Europäer trotz grundsätzlich gleicher Werte weiter auseinander driften. Auch George W. Bush werde wohl all seinen Charme aufbieten, um eine "neue Phase der transatlantischen Beziehungen zu suggerieren", meint Helmut Schmidt in der Zeit. Doch selbst der deutsche Ex-Kanzler, in den 80er-Jahren proamerikanischer Opponent der Friedensbewegung, klingt nun pessimistisch: Bush werde es schwer haben, seine Verbündeten davon zu überzeugen, dass er keine Hegemonie anstrebt. Zwischen der EU und der Nato gibt es kaum noch Gesprächskontakte. In der Nato selbst wird über wesentliche Fragen, etwa die Haltung zum Iran, nicht debattiert. Und Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat soeben in München wiederholt, dass die USA auch künftig in ihrer Politik auf "Koalitionen der Willigen" setzen werden (statt mit gleichberechtigten Partnern einen Konsens zu suchen). Im Kern liegt der Unterschied darin, dass die USA die Bedrohung durch den Terror und Staaten, die ihn fördern, für viel größer halten als die Europäer. Gleichzeitig gibt man sich in Washington viel optimistischer, was die Chancen für den Export der Demokratie betrifft. Rumsfeld bezeichnete die Wahlen im Irak und in Afghanistan sowie die Entspannung in Nahost als Folgen der entschlossenen US-Politik. Den Europäern ist bewusst, dass das Ende von Diktaturen zu blutigen Zerfallskriegen wie auf dem Balkan führen kann, wenn die dort Lebenden keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben. Auf beiden Seiten des Atlantiks weiß man, dass die USA für derartige Aufbauarbeiten die Europäer brauchen. Fragt sich nur, ob Bush bereit ist, ihnen dafür auch eine mitentscheidende Stimme zu geben. (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.2.2005)