Leipzig - Mit literarischen Reportagen über jüdische Schicksale hat die aus Warschau stammende Hanna Krall, deren Verwandte bis auf die Mutter im Konzentrationslager Majdanek umkamen, die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt: Die Zustände sind zeit- und geschichtslos, die Menschlichkeit die Ausnahme. Nun erhält die 63-jährige polnische Autorin den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". In Legoland (1990) oder Existenzbeweise (1995) erfahren polnische Bürger erst im hohen Lebensalter von ihrer tatsächlichen Herkunft. Die bisherigen "Verwandten" sind keine mehr, für die Suche der "Überlebenden" nach ihren Familien stehen nur ungereimte Bruchstücke von Erinnerungen zur Verfügung. Sie belegen, wie der Mensch unter Menschen überlebt und auf welche Art Beweise für seine Existenz er angewiesen sein kann. Der Geruch von frischen Brötchen, eine Hand, die man loslassen musste, eine Stimme auf einem Lastwagen im Gewirr vieler aufgeregt durcheinander Redender: "Lauf zu dem Polizisten dort und sag ihm: Du bist ein polnisches Kind, kein jüdisches." Hanna Krall, die in den 80er- Jahren bis zur Verhängung des Kriegsrechts in Polen (1981) als Politik-Journalistin für die Wochenzeitschrift Polityka arbeitete, setzt in diesem Jahrhundert der Grausamkeiten in ihrem literarischen Werk auf den schlichten Aussagesatz: Die Unsagbarkeit des Grausamen spiegelt sich am erkennbarsten in historischer Sachlichkeit. Nach jahrelangem Publikationsverbot in Polen erhielt sie 1985 für ihre autobiografische Erzählung Die Untermieterin den "Untergrundpreis der Solidarnosc". Mit den späteren Arbeiten wie Legoland, dem Erzählband Hypnose (1997) und dem letztjährig auf Deutsch im Verlag neue Kritik erschienenen Prosaband da ist kein fluß mehr fand die Autorin ihre "endgültige Lebensaufgabe": "Das zu sammeln, was heute in den alten Städten Polens über das Gestern erzählt wird." Sandy Lang