Graz - Wer braucht sie eigentlich, die so genannten Kulturkritiker? Veranstalter, die ihre Pressemappen für Subventionsgeber prall gefüllt sehen wollen oder die Leserschaft, die auf kulturelle Veranstaltungen mittels neutraler Vorberichterstattung neugierig gemacht werden will, oder aber sich durch Rezensionen ermuntern oder abschrecken lässt? Oder spielen Kulturjournalisten tatsächlich einen wichtigen Part im gesellschaftspolitisch-philosophischen Diskurs?

Auf derlei Fragen versuchte ein prominent besetztes Podium am Dienstag beim achten Jour Fixe im Kunsthaus Graz zu antworten. Neben Kunsthaus-Intendant Peter Pakesch und STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl fanden sich dazu Veronika Kaup-Hasler, ab 2006 Intendantin des Gegenwartskunstfestivals steirischer herbst, der Redakteur für Bildende Kunst und Design der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Thomas Wagner, sowie der Medienkünstler Richard Kriesche ein.

Bevor man sich auf die Problematik selbst einließ, hinterfragte Thomas Wagner den Titel der Veranstaltung: "Wer braucht die Kulturkritik?" Sollte es nicht Kunstkritik heißen, wandte Wagner ein, denn: "Was soll das eigentlich sein, Kulturkritik? Ist man nicht selbst Teil der Kultur?" Einig waren sich alle darüber, dass Kritik, egal ob positive oder negative, jedenfalls aber fundierte, unerlässlich sei. "Um die Kunstkritik ist es jedenfalls sowieso nicht besonders gut bestellt, weil wir in einer Konsensgesellschaft leben", stellte Wagner fest.

Kaup-Hasler betonte, dass sie sicher nicht "hofiert" werden wolle: "Kunstkritik ist meiner Vorstellung nach ein wichtiger Bestandteil des Kulturbetriebs."

Der ökonomische Druck, unter dem Zeitungen stünden, und ein daraus resultierender Platzmangel auf den Kulturseiten sei allerdings kontraproduktiv: "Da erscheinen oft kritische Haikus."

Gerfried Sperl bedauerte indes: "Die Kunstkritik verharrt immer noch im Stil des 19. Jahrhunderts. Es ist immer derselbe Duktus. Man sollte ohne Qualitätsverlust der Sprache neue Wege suchen." Ein Beispiel für einen solchen "neuen Weg" hatte Wagner prompt zur Hand: Er schrieb statt einer herkömmlichen Rezension über eine Ausstellung der Künstlerin Katharina Fritsch ein Märchen. (cms/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)