STANDARD-Korrespondent Peter Isenegger aus London
Für gewöhnlich kann der mit allen Wassern gewaschene und von Spin-Doktoren auf alle Eventualitäten vorbereitete britische Premierminister Tony Blair selbst auf die kniffligsten Fragen eine Antwort geben. Doch nun erwischte der routinierte BBC-Interviewer John Humphrys den Premierminister völlig unvorbereitet: Der Mann, der jeden Tag Entscheidungen von größter Tragweite zu fällen hat, weiß wenige Wochen vor der Geburt seines vierten Kindes noch nicht, ob er Vaterschaftsurlaub nehmen will. "Ich habe mir das noch gar nicht richtig überlegt", lautete nach mehrmaligem leerem Schlucken seine zögerliche Antwort. Befremdliche Idee? Seither ist der premierministerielle Vaterschaftsurlaub Lieblingsthema der Medien: Besonders bei den (mehrheitlich) konservativen Zeitungen, die einen Vaterschaftsurlaub als eher befremdliche Idee empfinden. Zudem haben sie in Downing Street Nummer 10 eine gravierende Meinungsverschiedenheit ausgelotet. Denn für Cherie Booth, die Gattin von Tony Blair, scheint es klar zu sein, wie sich ihr Gatte zu entscheiden hat. Die auf Arbeitsrecht spezialisierte Erfolgsanwältin forderte in einem Vortrag vor Berufskolleginnen ihren Gatten indirekt auf, dem Beispiel seines finnischen Amtskollegen zu folgen, der nach der Geburt seiner Tochter Vaterschaftsurlaub nahm. Cherie Booth scheint wie viele Feministinnen überzeugt zu sein, dass der Premier ein Zeichen setzen und von dem im vergangenen Jahr von seiner Regierung eingebrachten Gesetz Gebrauch machen sollte. Demnach haben Väter die Möglichkeit, nach der Geburt ihrer Kinder bis zu 13 Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen. Eine Vorlage für einen kürzeren, aber dafür bezahlten Vaterschaftsurlaub befindet sich gegenwärtig in Bearbeitung. Persönlicher Gewissenskonflikt Seit seinem Zögern bei John Humphrys ist Blair vorsichtiger geworden. Er müsse das zuerst in aller Ruhe mit Cherie bereden, sagte er in Folgeinterviews und wies auf einen persönlichen Gewissenskonflikt hin. Zum einen scheint Blair von der Idee Vaterschaftsurlaub durchaus angetan zu sein. Zum anderen aber fühlt er sich als Regierungschef seinem Land voll verpflichtet. Ein möglicher Grund für sein Zögern könnte in der Person seines Stellvertreters liegen. Der hemdsärmelige Vize-Premier John Prescott hat nämlich ein ausgesprochenes Talent dafür entwickelt, in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen zu treten. "Der gescheiteste Weg wäre wohl", witzelte darum ein Kommentator, "wenn Tony Blair seinen Stellvertreter zum Windelnwechseln abkommandierte."