Der frühere ukrainische Innenminister Leonid Krawtschenko ist nur wenige Stunden vor seiner Vernehmung zur Entführung und Ermordung des Journalisten Georgi Gongadse tot aufgefunden worden. Die Untersuchungen wiesen auf Selbstmord hin, sagte eine Sprecherin der Sicherheitsbehörden am Freitag. Präsident Viktor Juschtschenko sagte in einer ersten Reaktion, Krawtschenkos Tod könnte im Zusammenhang mit den Ermittlungen in dem Mordfall stehen. Am Mittwoch hatte die Generalstaatsanwaltschaft mitgeteilt, die Mörder und ihr Auftraggeber seien identifiziert, den Namen des Drahtziehers aber nicht genannt.

Gongadse hatte bis zu seiner Entführung im September 2000 über Korruption in der Regierung des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma berichtet. Juschtschenko sagte zum Tod Krawtschenkos: Jeder habe die Möglichkeit, sich zu stellen, vor Gericht auszusagen und damit seine Ehre zu verteidigen. "Es gibt auch eine zweite Variante: sich selber zu richten."

Krawtschenko sollte gegen 9 Uhr zu Gongadse befragt werden

Verwandte Krawtschenkos fanden den früheren Innenminister am Morgen in dessen Sommerhaus bei Kiew, nachdem sie einen Schuss gehört hatten, meldete die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine. Der ukrainische Fernsehsender TV5 berichtete, Krawtschenko habe sich erschossen. Eine Sprecherin des Innenministeriums, Inna Kissel, sagte, es scheine sich um Selbstmord zu handeln, die Ermittlungen dauerten aber an. Krawtschenko sollte gegen 09.00 Uhr zum Mordfall Gongadse befragt werden.

Juschtschenko bekräftigte in einer schriftlichen Erklärung, dass die Ermittlungen "in einer transparenten und professionellen Art und Weise in voller Übereinstimmung mit dem Gesetz" weiter zu führen seien. Er habe Innenminister Juri Luzenko und Generalstaatsanwalt Swjatoslaw Piskun angewiesen, sie persönlich zu leiten.

Gongadse hatte über Korruptionsskandale berichtet

Gongadse, Chefredakteur der Online-Zeitung "Ukrainska Prawda", wurde am 16. September 2000 in Kiew entführt. Seine enthauptete, verstümmelte und verkohlte Leiche wurde später in einem Wald nahe der Hauptstadt entdeckt. Seitdem erhielten aber immer wieder Gerüchte Nahrung, dass es sich bei dem Leichnam gar nicht um Gongadse handelte. Der Internetjournalist hatte über Korruptionsskandale der Regierung unter Kutschma berichtet.

Die Opposition warf Kutschma jahrelang vor, in die Tat verwickelt zu sein, was dieser stets vehement zurückwies. Kutschmas Nachfolger Juschtschenko hat seit Beginn des Wahlkampfes im Jahr 2004 stets betont, die Aufklärung des Mordes an Gongadse sei für ihn Ehrensache.

Tonbandmitschnitt

Die Vorwürfe gegen Kutschma stützen sich auf einen Tonbandmitschnitt, den ein früherer Leibwächter heimlich in dessen Büro gemacht haben will. Darin beschwert sich Kutschma mehrmals über Gongadses Berichte und weist Krawtschenko an: "Schmeiß ihn raus, überlass ihn den Tschetschenen". Kutschmas Stabschef Wolodymyr Lytwyn wird der Satz zugeordnet: "Gib Krawtschenko freie Hand, alternative Methoden anzuwenden." Kutschma und sein Zirkel haben die Echtheit des Bandes bestritten.

Kutschma, der sich zur Zeit in einem tschechischen Kurort aufhält, wollte sich zu Krawtschenkos Tod nicht äußern. Seine Sprecherin Olena Gromnyzka sagte, man wolle die Ermittlungsergebnisse abwarten.

Der Parlamentsabgeordnete Grigori Omeltschenko sagte, er habe die Staatsanwaltschaft schon vor längerer Zeit gebeten, Krawtschenko zu seinem eigenen Schutz festzunehmen. "Dann würde er jetzt noch leben", sagte er. Die Abgeordneten der Kommunistischen Partei forderten die Festnahme von Kutschma. Angesichts des "mysteriösen Todes" von Krawtschenko müsse nun "die Hauptfigur der kriminellen Politik des vergangenen Jahrzehnts" in Gewahrsam genommen werden, sagte der Abgeordnete Igor Alexejew laut der Nachrichtenagentur Interfax am Freitag in Kiew. (APA/AP/AFP/Reuters/dpa)