Bild nicht mehr verfügbar.

Umfragewerte zeigen, dass 80 Prozent der Arbeitnehmer unter 35 für eine Arbeitszeitverkürzung um etwa elf Prozent wären.

Foto: APA/dpa/Thissen
Wien - Die von der Industriellenvereinigung nach wie vor hartnäckig geforderte gesetzliche Verlängerung der Normarbeitszeiten, die den Arbeitstag von acht auf zehn Stunden ausdehnen würden, rufen bei Arbeitsmedizinern und Arbeitsrechtlern nur Kopfschütteln hervor. Wie Arbeitsmediziner Rudolf Karazman, Leiter des Beratungsunternehmens IBG health@work, im Gespräch mit dem Standard ausführt, könnten viele Betriebe gerade mit dem gegenteiligen Modell wirtschaftlich besser aussteigen.

Polyfelt: Maschinenauslastung auf 93 Prozent erhöht

Karazman, der seit Jahren mit seinem Consultingunternehmen Firmen und Konzerne in Fragen der Arbeitszeitergonomie unter die Arme greift, führt als bestes österreichisches Beispiel die Polyfelt, den Weltmarktführer für Geotextilien, an. Dort wurde die Arbeitszeit der Schichtarbeiter von 38,5 auf 34,4 Wochenstunden heruntergefahren. Mit dem Ergebnis, "dass die sich die Maschinenauslastung von 70 auf 93 Prozent erhöht hat".

Obwohl die Schichtarbeiter weiterhin Nachtarbeit machten, ging sowohl die durchschnittliche Krankenstandsdauer um drei Tage als auch die Fehlerquote zurück. Dies wertet Karazman als besonderen Erfolg, da Nachschichtarbeiter generell viermal so häufig krank werden, als Mitarbeiter, die bei Tag tätig sind. Der Grund dafür: acht Stunden Nachtjob sind genauso anstrengend wie 13 Stunden Arbeit bei Tag.

Zwang ruft nur Widerstand hervor

"Produktivität lässt sich einfach nicht erzwingen", ist Karazman als Mediziner und Unternehmensberater überzeugt. Sollte eine längere Anwesenheit am Arbeitsplatz kommen, müsse die Industrie mit einem "hohen Widerstandspotenzial bei ihren Arbeitnehmern rechnen, was nachweislich zu sinkender Produktivität führt". Allein schon deshalb, weil sich die Fehler- und Unfallhäufigkeit am Arbeitsplatz mit der Dauer der Tätigkeit durch Konzentrationsprobleme häuft. Ein Beispiel: Bei der Qualitätskontrolle von Werkstücken sackt die Aufmerksamkeit oft bereits nach sechs Stunden ab.

Gerade im Hinblick auf die neue Pensionspolitik, also eine verlängerte Lebensarbeitszeit dürfe man die Leute nicht kaputt machen, postuliert der Experte. Und vor allem junge Arbeitnehmer bis 35 Jahre sehen das genauso: Umfragewerte zeigen, dass 80 Prozent für eine Arbeitszeitverkürzung um etwa elf Prozent wären. Zwei Drittel von ihnen würden dafür auf fünf Prozent, ein Viertel sogar auf bis zu zehn Prozent Lohn verzichten.

Und der Vorstand des Institutes für Personalmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien, Dudo von Eckertstein, geht auf STANDARD-Anfrage davon aus, dass man zwar beim Gros der Arbeitsplätze "kurzfristig, also etwa eine Monat hindurch, fünfzig Stunden tätig sein kann, es aber auch eine erkleckliche Anzahl an Sonderregelungen geben müsste".

Änderungen ändern wenig

Währenddessen jubelt Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl darüber, dass auch die EU flexiblere Arbeitszeiten diskutiert. Leitl sieht darin eine Bestätigung, dass die heimische Wirtschaft mit ihrer aktuellen Forderung nach einer Lockerung "der rigiden Arbeitszeitregelung auf dem richtigen Weg ist".

Universitätsprofessor Wolfgang Mazal glaubt hingegen, "dass eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes in der Praxis kaum etwas bringen werde". Das österreichische Arbeitszeitgesetz sei bereits sehr flexibel, "in den meisten Fällen", so der prominente Arbeitsrechtler, "wird dieser Spielraum, vor allem in den Kollektivverträgen, aber nicht ausgenützt". Kosten sparen könnte die Wirtschaft auch durch intelligente Teilzeitmodelle. Österreichs Unternehmen würden viel zu sehr darauf schauen, möglichst wenig Personal zu beschäftigten, so Mazal. Eine zusätzliche Teilzeitkraft etwa könnte durch die Einsparung von Überstunden die Kosten insgesamt senken. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2005)