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'Dolores' heißt das von 1966-1995 entstandene Kunstwerk der Künstlerin Niki de Saint Phalle

Foto: apa/Jensen

Es gibt viele Gründe, die Stadt an der französischen Riviera und das Umland der Côte d'Azur zu erkunden, nicht nur, aber gerade auch wenn es hier zu Lande minus 10 Grad hat. Billigflieger sehen das ähnlich und locken mit Preisen, die Südfrankreich näher an Wien rücken. Nostalgiker, kunstsinnige Zeitgenossen, Flaneure, Botaniker und Gourmets – alle kommen auf ihre Kosten, es gibt viele Gründe, nach Nizza zu reisen.

Als "Nike" noch kein Turnschuh war, benannten die Griechen die Stadt am Mittelmeer nach der Göttin des Sieges. Nizza zählt somit zu einem der ältesten urbanen Zentren Europas, mit einer Topografie, die damals wie heute verführt. An der Baie des Anges, der Engelsbucht, gelegen, schmiegt sich die Stadt an die sanften Hügel des Hinterlandes der Provence. Diese Lage hat den großen Vorteil, dass man fast von jedem Punkt aus eine atemberaubende Aussicht aufs Mittelmeer genießt.

Groß wurde die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert, als man die mittelalterliche Altstadt um neue Plätze, wie das heutige Zentrum des Place Masséna, Boulevards und Avenues erweiterte. Die geografische Nähe und die wechselhafte Geschichte zwischen der französischen Stadt und Italien lassen sich nicht zuletzt angesichts der Architektur nachvollziehen. Terra-di-Siena-Rot ist der typische Farbton für Nizzas Bauwerke aus dieser Zeit. Ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Stadt zum beliebten Winterkurort, mit edlen Luxusherbergen und Kasinos. Ab 1887 wurde der Riviera nach einem Roman von Stéphane Liégeard der verheißungsvolle Namen "Côte d'Azur" gegeben.

Die Flaniermeile Promenade des Anglais, die sich die ganze Bucht entlang entfaltet, hat mit ihren Belle-Epoque-Fassaden nicht an Flair verloren. Die Verbreiterung des ursprünglich schmalen Weges zur großen Promenade finanzierte anno dazumal ein englischer Pfarrer mit Kollektengeldern, um so eine Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit zu setzen. Ehrwürdige Hotels mit blühenden Parkanlagen und illustren Eingangshallen wie das berühmte Hotel Negresco folgten und bestimmen seitdem das Bild der Stadt.

Patentiertes Azur

Zur Jahrhundertwende entdeckten auch die Künstler Nizza als Place-to-be. Unvergleichlich ist das Licht, als Kombination von azurblauem Meer und Sonnenschein. Henri Matisse reist aus gesundheitlichen Gründen an die Côte d'Azur und bleibt ab 1917 bis zum Ende seiner Tage, ähnlich Picasso und Chagall. Yves Klein, der aus Nizza stammt, macht das Ultramarinblau zu seiner Trademark und patentiert es als IKB, International Klein Blue. Niki de Saint-Phalle, Sculptrice üppiger und farbenprächtiger Nanas, hinterlässt dem Musée d'Art moderne in Verbundenheit den Großteil ihrer Arbeiten, schließlich erkannte sie in Nizza während des Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik, wie sehr die Malerei ihrer Genesung zuträglich war. Die Fülle der Kunst und der für sie geschaffenen Plätze in Nizza und Umgebung ist nach der Metropole Paris die dichteste Frankreichs.

Picassos Nebensaison

Eine genuesische Villa im typischen Rostrot mit Trompe-l'il-Dekor, inmitten eines herrlich duftenden Olivenhains, beherbergt einen umfangreichen Teil von Henri Matisse' Schaffen. Matisse selber lebte vis-à-vis im Hotel Regina, heute wie damals ein in Privatwohnungen verwandeltes Hotel. In unmittelbarer Nähe befinden sich römische Ausgrabungen und das Monastère de Cimiez mit Blick über die Stadt, Klostergarten und Friedhof, auf dem der Künstler begraben liegt.

Eng verbunden mit Matisse war das Kunstdruck- und Sammlerehepaar Aimé und Marguerite Maeght, das unweit von Nizza in Saint-Paul-de-Vence die erste Kunststiftung Frankreichs 1964 inaugurierte. In einem Bau des Katalanen Joseph-Lluis Sert ist seitdem die Kollektion Kunst des 20. Jahrhunderts (Giacometti, Léger, Miró, Mosaike von Chagall, ein Pool von Braque etc.) inklusive Skulpturenpark zu sehen.

Auch St.-Paul-de-Vence ist einen Besuch wert und gerade in der Nebensaison ideal für lauschige Spaziergänge durch kleine Gässchen entlang sandsteinfarbener Häuser. Picasso nützte nach dem Zweiten Weltkrieg das oberste Stockwerk von Schloss Grimaldi in Antibes als Atelier und hinterließ dem Ort 252 Arbeiten, die er persönlich arrangierte und verfügte, dass nichts aus dem Château entfernt werden dürfe. Ergänzt durch Werke seiner Zeitgenossen Max Ernst, Alexander Calder und Joan Miró (u.a.) ist so bis heute ein bedeutender Teil der Arbeiten Picassos zugänglich. Stets vor der prachtvollen Kulisse der französischen Riviera.

Disziplinierte Kuben

Viel mehr Geheimtipp ist der im Juni letzten Jahres eröffnete "Espace de l'Art Concret" im Hinterland von Cannes, im Örtchen Mouans-Sartoux. Hier ist die Sammlung des Schweizer Paares Sybil Albers und Gottfried Honegger in einem herrlich präzisen Neubau der Architekten Gigon/Guyer untergebracht. Es ist eine wahre Freude, mit wie viel Sensibilität und Kenntnis die Kunst von Gerrit Rietveld über Jean Arp, Carl André, Marcia Hafif, Donald Judd bis Gerwald Rockenschaub (und viele mehr) arrangiert ist.

In Nizza selbst lohnt in jedem Fall der Besuch des Mamac, des Musée d'Art moderne, wo neben Wechselausstellungen eine wohl selektierte Sammlung von Kunst ab 1945 zu sehen ist. In jedem Fall auch die Dachterrasse des postmodernen Baus erklimmen! Unmittelbar neben dem Museum befindet sich das kuriose Gebäude der städtischen Bibliothek: ein Kubus, der anstelle eines Kopfes auf überdimensionierten Schultern sitzt.

Und noch ein Tipp: die Villa Arson, Kunsthochschule und Museum zeitgenössischer Kunst als Oase inmitten des städtischen Treibens. Bus 4 und 7 bringen Sie hinauf zur Villa aus dem 19. Jahrhundert. Die Farbe können Sie erraten. In den 60er-Jahren stellte der Gropius-Schüler Michel Marot dem alten Bau einen architektonischen Kontrapunkt entgegen: Disziplinierte Formen aus Sichtbeton inmitten eines erfrischend gelassen arrangierten Parks. Am Dach des Ausstellungshauses lässt sich ein weiteres Mal der Blick über die Dächer Nizzas bis zum glitzernden Mittelmeer bestaunen.
Unbedingt hin.

Hoteltipp:

Grimaldi (drei Sterne):
Charmantes kleines Hotel im Stadtzentrum, ums Eck die Einkaufsfußgängerzone. Provenzalische Inneneinrichtung mit warmen Farben, Schmiedeeisendekor, Flair! Parkmöglichkeit, Klimaanlage, TV. Adr.: 15, Rue Grimaldi, Tel. 0033-(0)4 93 16 00 24

Direktflüge nach Nizza ab Wien:
Skyeurope fliegt ab 24 €pro Strecke, exkl. Gebühren, inkl. Shuttlebus nach Bratislava;
SN Brussels Airlines ab 120 € hin und retour, excl. Gebühren und Taxen
(Der Standard, Printausgabe, 5./6. 3. 2005)