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Hausmusik: Wolfgang Schüssel an der Gitarre, begleitet von der Band. Neben Schüssel singt EU-Parlamentspräsident Josep Borrell Fontelles, im Hintergrund setzt Österreichs EU-Botschafter Gregor Woschnagg aus voller Kehle ein.

Foto: APA/Holzner
Am Abend, in der Hütte, tauten auch Anders Fogh Rasmussen, der dänische Ministerpräsident, und Jan Peter Balkenende, der Premierminister der Niederlande, auf. Wolfgang Schüssel greift in die Saiten und gibt, von der Band begleitet, heimische Volksweisen wie das "Kufstein Lied" oder "When The Saints Go Marching In" zum Besten. Josep Borrell Fontelles, der Präsident des Europäischen Parlaments, legt ein Tänzchen aufs Parkett, und Denis Mc Shane, der britische Europaminister, singt lauthals mit. Lediglich José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, sitzt etwas verschreckt in seiner Ecke und beobachtet ungläubig das Geschehen. Europa Forum in Lech.

Barroso. Rasmussen. Balkenende. Borrel Fontelles. Und mittendrin der österreichische Bundeskanzler. Als Gastgeber, Moderator und Wortführer. Eine Rolle, in der Wolfgang Schüssel aufgeht. Dazu Benita Ferrero-Waldner, "unsere" EU-Kommissarin. Und Ursula Plassnik, die Außenministerin. Im Dirndl.

Zwei Tage lang lässt Schüssel seinen Charme spielen - doch, den hat er -, umgarnt seine Gäste, führt die Gruppe über die Pisten von Lech, hetzt Balkenende und Rasmussen die Hänge hinunter, setzte abwechselnd auf das Hotel Post, beste Adresse in Lech, und auf die Rud-Alpe, eine urige Hütte, greift selbst zur Gitarre oder moderiert die Diskussion. Dass Hans-Gert Poettering, Fraktionsvorsitzender der EVP im Europa-Parlament, auf der Piste den niederländischen Premier über den Haufen fährt, ist nur eine kleine Panne, über die am Abend alle wieder lachen.

Schüssel ist ein geschickter Netzwerker, er knüpft Kontakte und pflegt sie, er bringt sich ins Spiel. Das Europa Forum findet heuer bereits das neunte Mal statt, Schüssel hat es bereits in seiner Zeit als Außenminister ins Leben gerufen. Im Jahr 2000 musste das Forum allerdings ausfallen, die leidigen Sanktionen, da wäre niemand gekommen. Aber heuer, ein Jahr vor der österreichischen EU-Präsidentschaft, ist es prominent besetzt wie noch nie. Ein paar der Anwesenden, die jetzt in der Hütte singen und schunkeln, waren 2000 übrigens maßgeblich an den Sanktionen gegen Österreich beteiligt. Schüssel, das ist ihm anzusehen, empfindet eine tiefe Befriedigung.

Vertraulichkeit am Lift

Vier Stunden Arbeitsgespräche waren an dem Wochenende angesetzt, aber das meiste, so verrät der oberste Insider der Nation, erfährt man ohnedies am Skilift. Da werden auch die heiklen Punkte ganz locker angesprochen. Zwischen Tal- und Bergstation wird etwa die umstrittene Dienstleistungsverordnung der EU diskutiert.

An dieser Dienstleistungsverordnung hält Barroso fest, das sagt er später ganz offiziell. Niemand brauche sich zu fürchten, aber die neuen EU-Staaten müssten die gleichen Rechte haben, auch auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Das wird die Standards heben, nicht senken. Ihm geht es um Wachstum und Jobs, das sei die größte Herausforderung der EU. Dazu brauche es eine starke Führerschaft, damit meint Barroso die Kommission, und klare Visionen, das klingt wie ein Appell an die 25 Mitgliedstaaten.

Auch Balkenende appelliert an die nationalen Regierungen. Die Regeln des Stabilitätspakts müssten eingehalten werden, von allen und ohne Ausnahmen. "Wir brauchen diesen Pakt", sagt er, "wenn wir jetzt nicht in die Zukunft schauen, dann wird die Budgetzeitbombe hochgehen."

Barroso, von Schüssel beharrlich nur als José Manuel angesprochen, würdigt schließlich den "Spirit of Lech". Er hofft, so sagt er, dass dieser "Spirit of Lech" auch in Brüssel einziehen möge. Dieses Statement gab er noch vor dem Liederabend ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2005)