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Verschobene Grenzen untersucht Dramaturgin Stefanie Carp im Schauspielprogramm der Wiener Festwochen

Foto: APA/Schlager
Stefanie Carp, als Chefdramaturgin am Schauspielhaus Zürich unter Christoph Marthaler Mitgestalterin eines der innovativsten Spielpläne Europas, betreut in diesem Jahr das Schauspiel der Wiener Festwochen. Darüber sprach sie mit Ronald Pohl.


STANDARD: Das Festwochen- Programm 2005 handelt von Grenzen - von kulturellen Inklusionen und Ausgrenzungen. Warum hat man trotzdem von einem Generalmotto, einem Slogan abgesehen?

Carp: Neue Grenzen sind doch eine Überschrift. Ich mag das Wort Motto nicht. Manche Denkvorgänge kann man nicht in einem einzigen Satz zusammenfassen. Das heißt: Man kann schon, nur stimmt der dann meistens nicht.

STANDARD: Hängt das Thema der "Grenzziehung" mit der exponierten Lage Wiens zusammen - oder wäre ein solches Programm an jedem anderen Festivalort ebenso denkbar?

Carp: Die Gesellschaften, in denen wir leben, organisieren sich als Aus- und Einsperrung. Wer bleibt drinnen und wer muss unbedingt draußen bleiben. Das wollte ich in den unterschiedlichen Varianten thematisieren: die Grenzen zwischen Arm und Reich – auf der anderen Seite erleben wir die Aufhebung nationaler Grenzen, die Grenzüberschreitung zwischen den Kulturen. Wir leben in einer Zeit der kulturellen und nationalen Verschiebungen, andererseits der Aufteilung in starke und schwache Menschen. In solche, die mitkönnen – und solche, auf die verzichtet wird.

Diesem Thema folgen nicht alle Produktionen im Detail, aber es bestimmt den Fokus des Denkens. Es ist mir natürlich passiert, dass ich eine gute Produktion gesehen habe – dass ich aber den Eindruck hatte, sie passe nicht ins Programm und bilde einen Fremdkörper darin. Die Möwe in der Inszenierung von Árpád Schilling zum Beispiel habe ich eingeladen, weil es eine in ihrer Einfachheit ungewöhnliche Arbeit ist. Nicht, weil sie programmatisch so gut passt.

STANDARD: Darin läge ja der gedankliche Reichtum eines Festivals wie der Festwochen?

Carp: Es könnte sich dabei ebenso um eine ästhetische Vorgabe handeln, eine formale. Man braucht immer ein Zentrum, um ein Programm zu denken. Mit dem forum festwochen ff. haben wir den Entschluss gefasst, in die Dritte Welt zu gehen – wir erweitern Osteuropa auf weiter entfernte Peripherien und kehren in der Beobachtung dann von den Peripherien wieder in die so genannten Zentren zurück.

STANDARD: Nun stellt sich das Problem, ob die Umwälzungen der Weltgesellschaft überhaupt angemessen wahrgenommen werden können. Immerhin leben wir in den Zeiten eines "Empires", also in einer Art Weltinnenraum, der keine Außenperspektive mehr zulässt. Dissidenz wäre dann nichts anderes als ein weiterer Faktor im ökonomischen Spiel der Involvierung.

Carp: Es sei denn, eine neue Philosophie oder Ethik stellt diese Außenperspektive wieder her, und die fehlt zur Zeit.

STANDARD: Eine neue, kohärente "Erzählung", die die Verhältnisse logisch erklären hälfe.

Carp: Das Logische und Kohärente wäre nicht das Wichtige, sondern die Möglichkeiten von anderem denken zu wollen. Den Markt kann man logisch erklären.

STANDARD: Kann man das wirklich?

Carp: Wie er funktioniert, das wissen wir. Man kann sich ja zu allem entscheiden: Wenn man zum Beispiel auf den Begriff "Gerechtigkeit" verzichtet, dann findet man okay, wie es ist. Was uns fehlt, ist eine Perspektive: In welcher Form will die Menschheit überleben? Ein Theaterprogramm ist da nur ein weißer Schatten, der sich von dem abhebt, was Kunst beschreiben oder versinnlichen kann – sie bildet bestimmte emotionale Kondensationspunkte, die uns erfahren lassen, dass es andere Bilder und Sprachen gibt als die der Trendmagazine. Dass wir andere Sinnesfähigkeiten besitzen als die Annahme des Faktischen.

STANDARD: Welche Perspektive haben Sie auf die Theaterstadt Wien? Man zehrt hierorts gerne von den Traditionen der Repräsentation - andererseits scheint der weiterführende Diskurs über die darstellenden Künste nicht besonders stark ausgeprägt.

Carp: Erst einmal ist man auf diese Theaterkultur neidisch – auf die Zuschauerkultur. Dass die Menschen neugierig sind und hingehen: Man geht auch hin zu Dingen, die man ablehnt. Es gibt also eine aktive Öffentlichkeit. Das finde ich zunächst einmal sehr angenehm. Dann gibt es offenbar ein starkes Bedürfnis nach großen, repräsentativen Inszenierungen.

Hochinteressant finde ich die Performance-Szene. Es ist wahrscheinlich eine Frage der Zeit, dass sich der Dialog des Performativem mit der Bildenden Kunst, mit neuen Medien mit neuer Musik im Interesse der Menschen widerspiegelt. Es gibt also Repräsentationskultur und Szene, beides stark ausgeprägt.

Das Burgtheater deckt sehr viel Verschiedenes ab, und das macht es für die anderen schwierig. Die Burg steht offenbar für alles: das Repräsentative, konventionelles Repertoire auf hohem Niveau – und für "Rimini Protokoll", Pollesch und Schlingensief. Man hat das Gefühl, die Avantgarde wird hier nicht erfunden, aber mit einer gewissen Verspätung geschluckt. Was andere Labore erforschen, holt das Burgtheater her – und schafft dafür sehr seriöse Bedingungen. Das führt nicht automatisch zu einer Steigerung der Qualität. Man weiß nicht, wie man das nun finden soll.

Es wird hier offenbar keine Avantgarde-Debatte über das Theater geführt, es gibt da wenig Diskurs. Die Bühnenkünste werden als selbstverständlicher Teil des Alltagsleben angenommen, aber es gibt keine Reflexion wie in der bildenden Kunst oder in der Musik, die in Berlin dann doch in extremerer Form angestellt wird.

In Deutschland wird dieser Diskurs allerdings derzeit vollkommen von Ökonomie überlagert und insofern verblödet. Es geht eigentlich nur noch darum, wer die beste "Quote" hat. Die Qualitätsunterwanderung durch ausschließliche Gelddebatten – und die ständige Verwechslung zwischen Qualität und Popularität, das ist ein neues Phänomen. (DER STANDARD, Printausgabe, 08.03.2005)