Am 9. Mai feiert das offizielle Russland den 60. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland. US-Präsident George W. Bush hat die Einladung seines Kollegen Wladimir Putin angenommen und wird mit seiner Teilnahme den Festlichkeiten sozusagen einen westlichen Sanktus geben. Und dies trotz der Differenzen über den Stand der russischen Demokratie, die beim Gipfel in Bratislava offen ausgetragen wurden.

Nach den Ankündigungen und Vorbereitungen zu schließen, wird sich Russland bei den Feiern als Befreier Europas vom Hitlerfaschismus darstellen. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Unbestritten ist, dass die Sowjetunion mit mindestens 20 Millionen Toten einen furchtbaren Blutzoll entrichtete, den mit Abstand höchsten aller gegen Nazideutschland kämpfenden Nationen.

Der andere Teil der Wahrheit ist, dass für halb Europa die Befreiung von der NS-Herrschaft in eine mehr als fünfzigjährige Besatzung durch die Sowjetarmee überging. Die drei baltischen Staaten aber waren bereits 1940, im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes, von der UdSSR annektiert worden. Vor diesem Hintergrund ist die Weigerung der Präsidenten Estlands und Litauens zu sehen, an den Moskauer Feiern teilzunehmen.

Vor diesem Hintergrund ist auch das hohe Ausmaß an Kollaboration mit den Deutschen zu sehen, das es in den baltischen Ländern gab: Die Sowjets waren die ersten Besatzer. Das kann freilich nur eine Erklärung, keine Entschuldigung sein. Dass aber 1945 keine Befreiung für die baltischen Nationen brachte - dieses Faktum bleibt davon unberührt. Die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga will ihre Anwesenheit bei den Feiern in Moskau dafür nutzen, dass die Tatsache der 50-jährigen Okkupation auch von Russland anerkannt wird.

Die Chancen dafür stehen allerdings schlecht. Und das hat zuallererst innerrussische Ursachen. Auch eineinhalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems gibt es in Russland keine ernsthaften Versuche einer schonungslosen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Der Dauerkrieg der Bolschewiken gegen das eigene Volk seit ihrer Machtübernahme 1917 wurde von Stalin in unfassbarem Ausmaß perfektioniert und auch während des Kampfes gegen die deutschen Aggressoren fortgesetzt. Nur ein Beispiel: Heimkehrende russische Kriegsgefangene wurden systematisch in Lager gesperrt, wo Unzählige umkamen - sie galten als Verräter. Erst 1995 begann die Rehabilitierung dieser Opfer. Aber sie ging nicht einher mit einer grundsätzlichen Aufarbeitung der Vergangenheit.

Die Weigerung oder Unfähigkeit dazu hat viel mit dem Zustand der russischen Demokratie und den autoritären Tendenzen unter Putin zu tun. Alexander Jakowlew, einer der Väter der Perestroika, beendet sein Buch "Ein Jahrhundert Gewalt in Sowjetrussland" mit den Sätzen: "Ohne die Entbolschewisierung Russlands ist es undenkbar, dass sich die Nation erholt, eine Wiedergeburt erlebt und erneut ihren Platz in der zivilisierten Welt einnimmt. Erst wenn Russland den Bolschewismus abschüttelt, kann es auf Heilung hoffen." (DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2005)