Foto: Obermayr
Ein zehn Meter hohes Baugerüst mit hässlichen Mauerimitaten verhüllt derzeit die zwei Reiterdenkmäler am Heldenplatz. Das offizielle Österreich beschäftigt sich mit der Vergangenheit: Das Jubeljahr ist angebrochen. Nur 10 Meter weiter könnte sich dasselbe Österreich seiner Zukunft widmen: Am Institut für Theaterwissenschaften in der Hofburg gibt es keinen Grund zum Jubeln.

Hoffen auf bessere Zeiten

Dort versuchen zur selben Zeit rund 300 Studenten in einen Hörsaal für 100 Menschen Platz zu finden. Das Denkmal das sich der Staat Österreich hier selber setzt hat einen Namen: Bildungsabbau. Weder Röhren noch Mauerimitate sind zum Verhüllen nötig, man schweigt und hofft auf bessere Zeiten.

"Das ist nur die Gruppe N-Z?" fragt eine Studentin ungläubig, die gerade in den zehn Meter langen Gang vor dem Jura-Soyfersaal blickt, der mit 300 Studenten prall gefüllt ist. Tatsächlich versuchten ursprünglich 500 Leute in den Saal zu gelangen, jetzt hat man die Lehrveranstaltung geteilt. Eine Praxis die den meisten Studenten schon bekannt ist. Nach einer Viertelstunde mit 300 Menschen in einem armbreiten Gang wird klar: 150 Leute müssen die Lehrveranstaltung vom Gang aus besuchen.

Warten auf Godot

Eine Stunde später sitzen dann die restlichen 150 Studenten auch im Saal, für sie wird das vor einer Stunde Gesagte wiederholt. Die Begrüßung fällt wenig herzlich aus: "Besuchen sie die Lehrveranstaltung nicht." Nicht ohne Ironie unterhält der Lehrveranstaltungsleiter sein Publikum mit Sätzen wie: "Bleiben sie der Uni fern, das ist das einzige das die Uni jetzt noch retten kann." Oder: "Wenn wir alle zu Hause bleiben wird es eine schöne Lehrveranstaltung."

Man kann die Lehrveranstaltung aber trotzdem besuchen. Es gibt keine Anwesenheitsliste, auch wegen der Note muss man sich nicht fürchten: Es werden größten Teils Gut und Befriedigend vergeben, ab und an auch ein Sehr gut.

Waren praktische Tipps wie jener, die Tür offen zu lassen um den Sauerstoffaustausch zu gewährleisten, oder Aufforderungen, sich doch bitte abschrecken zu lassen, am Anfang noch ein Schmunzeln wert, sind sie nun nach Jahren des Platzmangels an der Uni Wien zu traurigen Zeugen eines überforderten Systems geworden. Allein dass eine Veranstaltung ohne Anwesenheit absolviert werden kann, zeigt wie sehr die Qualität unter den Verhältnissen leidet.

Während die Regierung sich lieber dem Jubeljahr mit sinnigen Veranstaltungen wie der Nacht der Bomben widmet, gehen 300 Studenten enttäuscht wieder nach Hause. (Martin Obermayr)