Politiker in Großbritannien und beiden Teilen Irlands haben mit Entrüstung auf das "Angebot" der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) reagiert, die mutmaßlichen Mörder eines 33-jährigen Katholiken in Belfast zu erschießen. Robert McCartney war am 30. Jänner in einer Bar im Zentrum von Belfast von einer Gruppe von IRA-Leuten regelrecht niedergemetzelt worden. Obwohl sich rund 70 Gäste in der Bar befanden, hat die nordirische Polizei bisher noch keine brauchbaren Zeugenaussagen erhalten.

Die fünf Schwestern des Ermordeten beschuldigen die IRA und deren politischen Flügel Sinn Féin der Einschüchterung und haben eine wirkungsvolle Kampagne lanciert. Der Umstand, dass die Familie aus dem Kernland der IRA in Belfast kommt und bisher Sinn Féin wählte, verursacht besondere Verlegenheit. Die IRA hat deshalb schon drei Mitglieder ausgeschlossen, Sinn Féin hat sieben Parteigenossen suspendiert.

"Angebot"

Während der vergangenen Tage hat die IRA dann der Familie angeboten, jene vier Männer, die sie selbst für schuldig hält, zu erschießen. Die Familie lehnte ab und beharrte auf der ordentlichen Justiz. Rätselhafterweise erwähnte die IRA ihr "Angebot" dann in einer am Mittwochabend veröffentlichten Erklärung - vermutlich ohne zu begreifen, welche Abscheu ihr Rechtsverständnis auslösen würde. Denn die IRA lebt in einem Paralleluniversum, einer "moralischen Dämmerzone", wie der irische Justizminister Michael McDowell bemerkte. Sie hält sich für die einzig legitime Regierung Irlands und kann daher aus ihrer Sicht keine Verbrechen begehen.

Ungewöhnlich ist an alledem bloß, dass eine Organisation, die seit 35 Jahren erfolgreich im Propagandageschäft ist, ein derartiges Eigentor schießen konnte. Der spektakuläre Bankraub in Belfast vor Weihnachten, die Aufdeckung eines Rings zur Geldwäscherei in der Republik Irland und der Mord an Robert McCartney haben nach der IRA nun auch Sinn Féin zu einem Schmuddelkind des politischen Prozesses gemacht. Namentlich die irische Regierung weigert sich, Sinn Féin am Verhandlungstisch zu empfangen, solange die IRA nicht glaubwürdig und endgültig von der Bildfläche verschwunden ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2005)