Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: APA/dpa/Franz-Peter Tschauner
Berlin - Immer weniger Ärzte in Deutschland verschreiben ihren Patienten Benzodiazepine - bekannt auch unter dem Namen Tranquilizer. Abgeleitet vom lateinischen Wort tranquilus (ruhig) gehören die Präparate - darunter Valium, Adumbran, Tavor, Tafil und Rohypnol - aber weiterhin zu den am häufigsten verkauften Arzneimitteln.

Trotz Rückgangs der Neuverschreibungen gelten 1,1 Millionen Menschen als benzodiazepinabhängig, wie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) feststellt. Werner Platz, Direktor der Berliner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Vivantes-Humboldtklinikum, warnt vor allem vor der so genannten Niedrigdosisabhängigkeit.

Schwierige Diagnose

"Es ist relativ leicht festzustellen, wenn jemand Tranquilizer in hohen Dosen nimmt. Die Niedrigdosisabhängkeit dagegen ist schwerer zu diagnostizieren", sagt Platz. Mitunter kämen Menschen mit zunächst nicht erklärbaren Krampfanfällen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Erst später stelle sich in einigen Fällen heraus, dass der Patient regelmäßig Tranquilizer in niedrigen Dosen genommen und sie dann abgesetzt habe, zum Beispiel während eines Urlaubes. "Erst nach zwei bis drei Wochen kann es zum Entzugskrampfanfall kommen", erklärte Platz.

Benzodiazepine sind vor allem bei Angst- und Schmerzzuständen geeignet und können helfen, seelisch belastende Situationen vorübergehend zu überbrücken. "Von der Qualität her wirken alle Tranquilizer gleich: Hypnotisch, beruhigend, dämpfend, Angst lösend und Muskel entspannend", sagt Werner Platz.

Vorsicht

Während die Fachwelt nach Zulassung der Benzodiazepine in den sechziger Jahren überwiegend euphorisch reagierte, raten Experten inzwischen zur Vorsicht. Länger als vier bis sechs Wochen sollen Tranquilizer im Normalfall nicht verschrieben werden. Laut Platz sollte es inzwischen sogar die Regel sein, Benzodiazepine bereits nach zwei Wochen wieder abzusetzen.

Von Tranquilizern in hohen Dosen sind nach Angaben des Suchtexperten vor allem Konsumenten harter Drogen abhängig. Vor allem Rohypnol (Flunitrazepam) werde als Ersatz eingenommen, wenn kein Heroin zur Verfügung stehe. Aber auch Kokainabhängige griffen zu Benzodiazepinen, um von einer Hochphase herunterzukommen. Von jährlich etwa 1.400 Suchtpatienten pro Jahr seien in seiner Klinik nur etwa 50 reine Benzo-Konsumenten. 300 bis 400 Patienten dagegen gehörten zur Drogenszene. Von ihnen wiederum seien 70 bis 80 Prozent zusätzlich von Tranquilizern abhängig, stellt Platz fest.

Entzug

Ein Benzodiazepin-Entzug kann nach Erfahrung mancher Betroffener schlimmer als eine Heroin-Entwöhnung sein. Eine fast unerträgliche innere Unruhe, starkes Schwitzen, Schlaflosigkeit oder Albträume gelten als Gründe für Rückfälle. "Der körperliche Heroin-Entzug ist in der Regel nach 24 Stunden vorbei. Ein Benzo-Entzug dauert bis zu drei Wochen. Bei jahrelangen Suchtkarrieren müssen Tranquilizer sogar über ein halbes Jahr ausgeschlichen werden", sagt Platz.

Von Benzodiazepinen sind vor allem Frauen abhängig. Ein spezifischer Suchttyp könne nicht genau bestimmt werden, dennoch träten Depressionen, psychosomatische Symptome und eine Labilität des vegetativen Nervensystems häufig auf. Dies gelte jedoch bei allen Suchtabhängigen und nicht nur für Benzodiazepinkonsumenten.

Um Rückfälle zu vermeiden, müssen nach Angaben der Experten vor allem die Ursachen angegangen werden. Die Betroffenen seien gezwungen, sich ihrer Flucht aus der Realität zu stellen. Sie müssten einen emotionalen Burnout aktiv vermeiden und andere Möglichkeiten zur Entspannung erlernen, wie etwa Yoga oder autogenes Training. (APA/AP)