1. "Mit seiner Reise nach Auschwitz hat der Bundeskanzler mit beeindruckenden Signalen zum Ausdruck gebracht, dass wir unsere Rolle als Opfer und Täter spüren, darunter leiden, auch Scham empfinden." - O-Ton Wolfgang Schüssel, drei Zeilen vor der von Botz inkriminierten Interview-Passage; und eine Zeile danach: "...aber ich will nicht den Eindruck erwecken, dass wir die individuelle Schuld von vielen Tätern in irgendeiner Weise minimieren oder wegreden wollen."

"Österreich trägt für die Teilnahme am Krieg an der Seite Hitlerdeutschlands eine Verantwortung, der es nicht entrinnen kann." - Der selbe, wenige Tage vor dem von Charles Ritterband geführten NZZ-Interview, im Rahmen des Widerstandssymposions im Parlament.

2. Dass es Ex-Kanzler Vranitzky vorbehalten blieb, in seiner Rede im Nationalrat 1991 bzw. in Jerusalem 1993 erstmals Österreichs Mitverantwortung an den NS-Verbrechen einzubekennen, und damit einen "historischen Durchbruch" zu erzielen, hinter den kein Vertreter der Republik zurückfallen dürfe, ist längst journalistisches Allgemeingut geworden. Die Formulierung war in der tat eindeutig. Zitat: "Wir dürfen nicht vergessen, dass viele der ärgsten Schergen des Nationalsozialismus Österreicher waren. Es gab Österreicher, die Opfer, und andere, die Täter waren. Erwecken wir nicht den Eindruck, als hätten wir damit nichts zu tun. Selbstverständlich gibt es keine Kollektivschuld, trotzdem möchte ich mich für jene Verbrechen entschuldigen, die von Österreichern im Zeichen des Nationalsozialismus begangen wurden." - Einziger Korrekturbedarf: Das Zitat stammt nicht von Vranitzky sondern aus der drei bzw. fünf Jahre vorher gehaltenen TV-Ansprache von Kurt Waldheim anlässlich des 50. Jahrestages des Novemberpogroms. Auf Nachfrage der Reaktion, meinte Botz: Er habe die Waldheim-Ansprache wohl wahrgenommen, sie sei für ihn aber offenbar nicht "bildmächtig" geworden.

3. "Fast schon zu spät ist es in Österreich für den Begriff Patriotismus. Auch er ist samt seinen Varianten von der Rechten besetzt worden. Deren Gegner haben das Feld bereitwillig geräumt (...) Weil, in ihren Augen, Patriotismus unrecht ist, blenden sie auch den Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus, dessen Grundlage ja der Kampf für ein freies Österreich war. Der Geschichtsrevisionismus, den heutige Oppositionelle, ohne es zu wissen, von den extremen Rechten übernommen haben, attackiert lieber die "Lüge von Österreich als dem ersten Opfer des Nationalsozialismus". Diese Behauptung ist selbst wieder eine faustdicke Lüge, die es den Nazis und ihren Mitläufern erlaubt hat, die begangenen Verbrechen zu verallgemeinern und damit zu bagatellisieren." - Der Schriftsteller Erich Hackl in einem STANDARD-Essay über den Heldenplatz, Juli 2000.

4. Aufzeichnungen von einem "Frühlingsspaziergang am Ring": "Es war strahlendes Sonntagswetter, eine sanfte Brise trieb wollige Schäfchenwolken über den blauen Himmel. Das satte Grün der Ringstraßenallee bot ein südliches Bild beschwingter Heiterkeit, der trügerische Schein einer befriedeten, konfliktfreien Welt breitete sich über das Gemüt der lustwandelnden Paare und Müßiggänger. Plötzlich zerstört ungewohnter Lärm die feiertägliche Idylle. Drei riesige Lastautos fahren knapp hintereinander mit verdächtiger Eile rüttelnd und polternd über die Straße, vollbeladen mit Menschen. Diese stehen dicht zusammengepfercht, mit bleichen Gesichtern, von Angst gezeichnet. Gleich einem Schlachtviehtransporter rollen die Wagen, gelenkt von jungen SA-Männern. Einer von ihnen steht mit schussbereitem Gewehr, den Blick wachsam auf das verschüchterte Frachtgut gerichtet. Die aufgescheuchten Spaziergänger sehen, was sich da vor ihren Augen vollzieht: Die Gefangenen tragen den gelben Stern auf der Brust.

Ist jemand unter ihnen, den man kennt, ein Mensch, der einem nahe steht, ein Freund gar? Der Gedanke durchzuckt einen wie ein Blitz. Zu schnell fahren die knatternden Karren, als dass man in dem Haufen aneinander gedrängter Gefangener einzelne Gesichter erkennen könnte. Manche, nicht alle der eben noch froh gestimmten Ringstraßen-Flaneure, bleiben betroffen stehen, blicken den Fahrzeugen nach, die wie ein böses Phantom dem Blick entschwinden. "Jetzt müsste man laut aufschreien", sagt meine Frau, "den Autos nachlaufen, protestieren, sich vor die Räder werfen!" Aber niemand tut es, auch wir nicht. Warum nicht? Die Helden, die Märtyrer, wo sind sie?

Gedanken, die nie schwinden werden, die nachwirken, als immer währende Mahnung, als Erinnerung an Versagen. Das Drama, der Gewissenskonflikt waren Bestandteil des Alltags geworden." - Der Schriftsteller und Journalist Milan Dubrovic in "Veruntreute Geschichte", Wien 1985. (mj/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 3. 2005)