Hermann Knoflacher: Wiener Stadtplanung zu passiv

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Wien - "Die Wiener Planung gestaltet nicht - sie lässt geschehen und kommentiert dann", lautet die ernüchternde Analyse von Hermann Knoflacher, seines Zeichens Verkehrsguru an der Technischen Universität Wien. "So sucht sich halt jeder Politiker die zu ihm passenden Gutachter aus." Und: "Am besten fährt man halt im Windschatten von Lobbys mit. Da braucht man nur zu schau'n, von wo der Wind weht - und schon kann man sich die Forschungsmillionen runter klauben."

Knoflacher hat jedenfalls für eine neue Studie keine Millionen geklaubt, sondern sie auf Eigeninitiative gemeinsam den TU-Professoren Josef Michael Schopf und Thomas Macoun quasi in der Freizeit erstellt. Ein Gutachten über die Verkehrsentwicklung in Wien und mögliche Gegenmaßnahmen.

Dramatischer Trend

Anlass dafür war die Shell-Studie für den Raum Wien, die im Vorjahr präsentiert wurde. Zum Teil kommt die TU-Untersuchung nun zu ähnlichen Ergebnissen, wie die Shell-Studie - insbesondere was Bestandsaufnahme und Trendszenario betrifft. Demnach würde ohne Gegensteuern der Verkehrsanteil des Individualverkehrs von derzeit 35 auf rund 45 Prozent ansteigen - während der Anteil öffentlicher Verkehrsmittel von derzeit ebenfalls 35 Prozent auf rund 30 Prozent absackte. Wie auch der Fußgänger- und Radleranteil von 30 auf etwa 25 Prozent abstürzte.

Was die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen betrifft, kommen nun die Experten aber auf vollkommen unterschiedliche Ergebnisse. Die "Schlüsselmaßnahmen einer flächendeckenden Maut (Pkw-Verkehr)" und die "Reduktion des Straßenausbaus" hätten "nicht die in der Shell-Studie abgeschätzten Wirkungen", lautet das Urteil. Im Gegenteil: "Der Pkw-Verkehr wird weiter zunehmen, der Anteil des öffentlichen Verkehrs weiter absinken".

Neuer Speckgürtel

Knoflacher ist hingegen überzeugt, dass die Stadt vor allem durch entsprechende Siedlungsstrukturen gegensteuern muss. Und warnt: "Der Ausbau von Hochleistungsstraßen wie S1, S2, A5 wird zu einem Speckgürtel um Wien führen bei gleichzeitigem Verfall der Strukturen in Wien." Knoflacher: "Die Spekulanten haben ja schon an der S1 die Grundstücke angekauft - das machen die nicht, um Grünraum zu erhalten."

Ziel müsse es vielmehr sein, "die bestehende Stadtstruktur zu stärken, mit Verdichtungen in den bestehenden Bezirken, insbesondere auch im Süden und Südwesten". Eine Kernforderung sind zentrale Parkgaragen, die maximal 450 Meter von der Wohnung entfernt sind - bei gleichzeitigem Freimachen an der Oberfläche. "Derzeit haben ja in der Stadt nur die Autos Einfamilienhausqualität."

Die Forderungen sind zwar nicht rasend neu - Knoflacher hatte sie zum Teil schon in den 70-er Jahren gestellt. Aber genau das ist auch Knoflachers Punkt: "Wien sollte wieder auf den guten Pfad zurückfinden und sich nicht auf dem ausruhen, was vor 20, 30 Jahren gemacht wurde." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 12.03.2005)