In Wiens Kanälen haben Spezialgeräte schon 400 Kilometer Glasfaserkabel verlegt - jetzt laufen darüber die ersten IP-TV-Feldversuche.

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Davon, dass Bewohner der Wohnhausanlagen am Wienerberg sich am Klo in "Matrix"-(Angst-)Fantasien verlieren könnten, will Thomas Mann nicht reden: "Das sei", meint der Datenleitungsbereitsteller, "ein bisserl übertrieben". Doch ganz abwegig sei der Gedanke "vielleicht" doch nicht: Schließlich krabbeln auch im Film "Matrix" Automaten durch enge Rohre - und ziehen Kabel hinter sich her.

Im Fall der Glasfaserkabel, die Manns Firma Cybertown zwischen Wienerberg, Mischek-Turm auf der Donauplatte und den auf dem Laaer Berg wachsenden Wohnbauten von "Monte Laa" verlegt, sind die Rohre aber ganz schlicht Wiens Kanalisation.

Keine Klo-Kabel

Und "nein", lacht der Glasfaserkabelmann, auch wenn es plakativ klinge: Die Anschlüsse, über die er Büros und Wohnungen breitbandig erschließt, kommen weder aus dem Klo noch dem Abfluss. "Die Kanalisation ist ideal, weil alle Häuser erreicht werden - aber wir gehen über ganz normale Verteilerkästen in die Wohnungen."

Freilich: Cybertown ist nicht das einzige Unternehmen, das den Abfluss - sozusagen - als "Retourkanal" verwendet, betont Helmut Kadrnoska, Geschäftsführer der Wienkanal: Seit vier Jahren krabbeln "Cablerunner" durch Putz- und Abwasserrohre, montieren Edelstahlschienen, platzieren darin Gummi- und Plastikrohre und blasen in die Glasfaserkabel.

Vier Maschinen - die noch in 25 Zentimeter schmalen Rohren arbeiten können - und sieben größere, ist Kadrnoska stolz, hätten so mittlerweile 400 Kilometer Glasfaserkabel verlegt. Kadrnoska sieht für das in Österreich entwickelte Gerät auch international große Chancen: "Vor allem weil so die Last Mile ohne Grabarbeiten erschlossen wird - gerade jetzt, wo Breitband in aller Munde ist."

Size Matters

Womit Thomas Mann wieder im Spiele wäre: Sein Unternehmen spezialisiert sich nämlich auf breitbandige Netzanbindungen, die in Österreichs Wohnzimmern sonst noch nach Zukunftsmusik klingen: "In Korea sind 100 Megabit (mBit) Standard." In Österreich spreche man von "Breitband" und liege de facto meist im Ein-mBit-Bereich.

Dass das für Heim-Surfer derzeit (noch) ausreicht, bezweifelt Mann nicht. Allerdings, "sobald Dienste wie die diversen Musicstores auch für Filme zur Verfügung stehen, schaut die Sache anders aus. Und dass die meisten Versuche mit IP-TV (Fernsehen über das Internet, Anm.) nicht funktionieren, liegt vor allem an der fehlenden Bandbreite."

Um zu beweisen, was Internet-TV alles können kann, startet Cybertown im April deshalb einen Testbetrieb: 1200 Haushalte am Wienerberg können dann Filme von zentralen Servern abrufen und ebendort speichern. Neben der Videothek, erklärt Mann, funktionieren dann auch andere Features, die Wohnzimmerusern "schmälerer" Netze bisher verschlossen waren: per Rechner-Adressdatei Telefonnummern anzuwählen etwa. Oder das automatische Nachschicken von Nachrichten am Anrufbeantworter als Mail-Attachment.

Die Frage nach dem Bedarf an solchen Angeboten, meint Mann, stelle sich "so" nicht: "Das ist so wie die Frage, ob ein Telefonmodem nicht genügt - heute erwartet der Konsument einfach always-on als Standard. Und in ein paar Jahren wird der Durchschnittskonsument einfach solche Services erwarten - und nicht fragen, durch welche Schächte sein Kabel läuft." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2005)