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Zur Person

Amos Oz wurde 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren. Er gehört zu den bekanntesten israelischen Schriftstellern, verfasste viel bewunderte Romane wie "Ein anderer Ort" oder "Der dritte Zustand" und tritt für die Aussöhnung mit den Palästinensern ein. Er wurde jetzt vom Bruno-Kreisky-Forum ausgezeichnet.

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Der international bekannte israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz über die "enttäuschte Liebe" seiner Vorfahren zu Europa und eine "neue Sprache" sowohl von Ariel Sharon wie von den palästinensischen Führern. Das Gespräch führte Hans Rauscher.

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STANDARD: Herr Oz, in Ihrem jüngsten Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" schildern Sie ihre Kindheit und Jugend in Palästina/Israel der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals lebten Sie inmitten von Arabern. Was bedeutete das für Sie?

Oz: Sie waren um die Ecke, aber sie waren auf der anderen Seite des Mondes. Sie waren in meinen Gedanken, und sie waren in der nächsten Straße. Es gab keine Integration. Das Jerusalem meiner Kindheit war eine lose Föderation von vielen Gemeinschaften, nicht nur Juden und Arabern: Armenier, Griechisch-Orthodoxe. Die Araber waren ein Objekt der dauernden Neugier, aber auch der dauernden Furcht.

STANDARD: Sie haben an den Kriegen von 1967 und 1973 teilgenommen. Werden wir darüber ein Buch lesen?

Oz: Ehrlich gestanden, ich weiß es nicht. Ich werde nicht "Geschichte von Liebe und Finsternis, Teil II" schreiben, weil es keine Autobiografie ist. Es ist eine Geschichte über meine Eltern. Sie waren die Protagonisten. Ich bin nur ein Nebencharakter. Im Zentrum steht die Geschichte meiner Eltern und meiner Vorfahren - warum sie aus Russland nach Jerusalem kamen. Was hofften sie in Jerusalem zu finden? Was haben sie gefunden und was verloren?

STANDARD: Es ist die Geschichte der Immigrantengeneration der Dreißigerjahre, der Staatsgründer.

Oz: Es ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe, einer unerwiderten Liebe meiner Familie und meiner Vorfahren zu Europa. Sie waren überzeugte Europäer in einer Zeit, wo niemand ein überzeugter Europäer war. Jeder war ein deutscher Patriot oder ein bulgarischer Patriot. Sie waren Europäer, aber niemand wollte sie. Europa verabscheute sie, weil sie Europäer waren.

Sie waren als Parasiten, wurzellose Intellektuelle und Kosmopoliten abgestempelt. Und zwar sowohl von den Faschisten wie von den Kommunisten. Aber sie hatten billige Farbdrucke an den Wänden, die europäische Landschaften zeigten. Das ist der Kern meines Buches: die unerwiderte Liebe zu Europa.

STANDARD: Zur aktuellen politischen Situation: Meinen Sie, dass Ariel Sharon es ernst meint? In dem Sinn, dass er sich nicht nur aus Gaza zurückziehen will, sondern auch aus dem größten Teil der Westbank?

Oz: Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, dass er eine vollkommen neue Sprache verwendet. Seit mehr als einem Jahr verwendet er nun die Sprache von Amos Oz und anderen von der Friedensbewegung, die er vor zehn Jahren als Sprache von Verrätern bezeichnet hat. Er spricht jetzt über die korrumpierende Wirkung einer Besatzung über ein anderes Volk auf uns selbst.

Er spricht darüber, dass es ethisch falsch ist, für immer die Leben einer anderen Nation bestimmen zu wollen. Er spricht über einen palästinensischen Staat neben Israel.

Was immer er meint, der Wandel in seiner Sprache ist immens wichtig. Alles beginnt mit der Sprache. Meint er es ernst? Ich weiß es nicht. Aber politisch ist er jenseits eines "point of no return". Wird es funktionieren ? Das hängt auch von den Palästinensern ab. Aber auch die Sprache der palästinensischen Führer hat sich geändert. Ich glaube an die Macht der Sprache. Ein Wandel in der Sprache ist das Syndrom für tiefere geschichtliche Entwicklungen, zum Positiven oder auch zum Negativen.

STANDARD: Was soll jetzt weiter geschehen?

Oz: Beide Seiten brauchen signifikante Unterstützung. Die Palästinenser müssen 400.000 bis 500.000 Flüchtlinge von 1948 aus Lagern in den arabischen Ländern in einem palästinensischen Staat wiederansiedeln. Die EU soll die Wohnungen dafür bauen. Israel braucht eine Inkorporierung in die Nato. Oder teilweise Inkorporierung in die EU. Israel braucht eine Familie. Wenn die Europäer wollen, dass sich Israel zurückzieht, dann braucht es das Gefühl, dass es eine Familie da draußen hat.

STANDARD: Israel als ein europäisches Land?

Oz: Ich selbst betrachte mich nicht mehr als Europäer. Aber ich sehe nicht eine Orientalisierung, sondern eine Mediterranisierung Israels. Mit Ausnahme von Jerusalem - eine sehr extremistische Stadt - ist Israel säkular, hedonistisch, laut, emotionell, herzlich - wie Griechenland oder Südfrankreich oder Nordafrika. Ein sehr mediterranes Land. Die alte Vision von Theodor Herzl, im Herzen der Levante ein Österreich-Ungarn mit guten Manieren zu bauen, war unrealistisch. Israel ist mediterran wie Barcelona oder Marseille. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.3.2005)