Moskau - Im Grunde hat der russische Autor Wladimir Sorokin (50) nie etwas anderes gemacht, als Spukgestalten zu klonen. Sorokin hat das Genmaterial des "sozialistischen Realismus" für ein literarisches Aufzuchtprogramm verwendet - seine Romane wie Der himmelblaue Speck waren Menschenparkzüchtungen aus dem Schmuddelheft der Sowjetmoderne. Nun stößt sich wiederum die Öffentlichkeit daran. Das Moskauer Bolschoi-Theater, in dessen Auftrag Sorokin die Oper Rosenthals Kinder schrieb, wird angefeindet. Der Vorwurf lautet wie üblich: Pornografie.

50 Vertreter der Putin-treuen Jugendorganisation "Gemeinsam gehen" demonstrierten gestern in Moskau gegen die Uraufführung der Oper. "Pornografen raus auf dem Bolschoi!" stand auf mitgeführten Plakaten zu lesen.

In der vergangenen Woche hatte das russische Parlament das Projekt kritisiert. In der Oper geht es um das Klonen von Tschaikowsky, Wagner und Mozart. In der Staatsduma machten Abgeordnete Stimmung: "Es darf nicht sein, dass Sorokins Stücke auf einer Bühne inszeniert werden, die als Kulturgut gilt!" Mit 293 zu 157 Stimmen forderte die Duma, die Zulässigkeit des Werks zu prüfen. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 15.03.2005)