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Foto: Reuters/Natruskin
STANDARD: Träumen Sie noch gelegentlich vom Ausstieg in den offenen Kosmos? Leonov: Ich träume oft von meiner schwebenden Position über dem Erdball. Ich spüre wie im Traum, wie sich die Erde unter mir dreht. Das ist der wichtigste Eindruck, den ich aus dem All mitnahm. Als erster Mensch habe ich das gesehen - ich kam zurück und sagte: "Die Erde da ist ja wirklich rund." Auf der Erde weiß man das ja nur, weil man es so lernt, dort aber sieht man es.

STANDARD: Woran dachten Sie im Moment des Ausstiegs?

Leonov: Natürlich versetzte mich die Erde unter mir in ein unbeschreibliches Verzücken. Du siehst ein Territorium mit einem Radius von 2750 km. Hier das Schwarze Meer, verdrehst du den Kopf, siehst du Italien und ein Stück höher Polen, Schweden. Ich verglich ständig, ob unsere Landkarten auf der Erde wohl stimmen. Und es war eine solche unglaubliche Stille, dass ich den Herzschlag und das eigene Atmen hörte. Stanley Kubrick greift im Film "Odyssee 2001" auf meine Beschreibungen zurück: Man hört nur ein schweres Atmen.

STANDARD: Hatten Sie Angst?

Leonov: Nein, Ich hatte keine Zeit dafür. Bange wurde uns aber, als das automatische Lenksystem gegen Schluss des Fluges nicht mehr funktionierte. Nach dem Abschalten des Motors sollte unsere Kabine vom Raumschiff getrennt werden - das passierte aber nicht. Die zehn Minuten waren wie eine Ewigkeit. Als das Raumschiff dann in die dichte Atmosphäre eintauchte, was ein Gefühl der Heimkehr hervorrief, trennte sich unsere Kabine dann doch. Ich hatte auch beim Wiedereinstieg aus dem All ins Raumschiff Probleme, weil sich der Raumanzug aufgeblasen hatte und ich nicht durch die Luke hindurchkam. Aber ich hatte keine Panik.Ich musste schnelle Entscheidungen treffen, denn das Bodenpersonal hätte mir nicht helfen können.

STANDARD: Sie nahmen aber sechs Kilogramm in einem Tag Flug ab.

Leonov: Ich zog ja den Raumanzug nie aus, es war wie in einer Sauna. Zumal ich äußerst schwer arbeiten musste. Für das Atmen und die Ventilation waren lediglich 60 Liter vorgesehen, während sie heute 360 Liter dafür haben und das Wasser abgeleitet und der Anzug gekühlt wird. Ich stand im Raumanzug bis zu den Knien im Wasser, als wir in zwei Meter Tiefschnee in der Taiga landeten. Dort mussten wir übrigens zwei Tage bei minus 20 Grad ausharren, bis man uns fand. Den Leuten wurde vorgelogen, dass wir auf dem Landhaus des Gebietskomitees ausruhen.

STANDARD: Wieso ging das sowjetische Mondprogramm nicht voran?

Leonov: 1966 begann das Programm, das ich leitete. Alles war für die Mondumkreisung vorbereitet, leider aber war der oberste Konstrukteur, Sergej Koroljow, schon tot, seine Nachfolger waren ängstlich, und es wurde alles gebremst. Wir hätten vor den Amerikanern den Mond umrundet, bei der Mondlandung aber konnten wir nicht mithalten, auch weil das nötige Geld fehlte. Wir wendeten für unser Mondprogramm ein Zehntel der US-Summe auf.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft der Raumfahrt und Russlands Rolle?

Leonov: Ohne Russland gäbe es die Internationale Raumstation nicht mehr. Der US-Shuttle fliegt ja seit seinen Unfällen schon zwei Jahre nicht mehr. Wir versorgen die Station mit unserem Raumschiff Sojus und den Raketen Proton. Auch in Zukunft werden wir hier eine tragende Rolle spielen. Generell denke ich, man sollte sich zuerst mit dem Mond befassen, erst dann mit dem einstweilen perspektivlosen Mars. Wünschenswert ist auch der Weltraumtourismus, er bringt viel Geld.

STANDARD: Sie dachten laut über die Besiedlung des Mondes nach.

Leonov: Das erscheint mir sehr realistisch. Man braucht nur die Mittel, um das System der lebenserhaltenden Bedingungen einzurichten, dann könnte man zwei Jahre dort verbringen. Der Mond bietet interessante Elemente, so eine Form des Helium, das geeignet ist als sauberer Brennstoff für Atomkraftwerke. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir uns vor gigantischen Meteoriten schützen werden.

STANDARD: Bedauern Sie den Zerfall der Sowjetunion? Leonov: Ja, aber ich bedauere nicht den Zerfall der Kommunistischen Partei. Gorbatschow hat richtig gehandelt. Nicht die Leute in der Sowjetunion waren schlecht, aber die Prinzipien waren falsch. Die kommunistische Ideologie verhinderte vieles - auch den Fortschritt. Das Geld, das dem eigenen Volk geraubt wurde, wurde zur Unterstützung jedweder Schwindler und Revolutionäre in anderen Erdteilen verschwendet. Die einzig richtige Entscheidung der Sowjets war, die Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Österreich abzuziehen. Mit niemandem haben wir so gute Beziehungen aufgebaut wie mit Österreich. Dort wo wir blieben, wurden wir Feinde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 3. 2005)