Ob die im Wahlfieber angesagte Neuorientierung der FPÖ in der von Haider anvisierten oder in der von Mölzer und Strache anvisionierten Neugründung besteht, ist ziemlich egal, es kommt auf dasselbe heraus. Mölzers Ausschluss aus der FPÖ macht aus Haider ebenso wenig einen Liberalen und aus der FPÖ ebenso wenig eine flotte Partei, als bliebe er drin. Eine realistische Neuorientierung wäre nur eine Rückorientierung auf die Oppositionsrolle, denn die kann sie auch mit fünf Prozent spielen.

Sich in der Regierung überhaupt zu orientieren, hat sie nun fünf Jahre lang nicht zustande gebracht, sich neu zu orientieren, wird sie in den letzten Monaten der Koalition auch nicht mehr schaffen – mangels attraktiven Personals, mangels interessanter Ideen und dank eines Regierungspartners, der sie in stiller Gelassenheit politisch verhungern lässt, weil ihm das schleißiger werdende Hemd näher ist als ein abgesandelter Koalitionsrock.

Gerade jetzt aber will die FPÖ die Regierungsbank um keinen Preis verlassen, und Jörg Haider, der so oft mit der Drohung geprahlt hat, die Koalition platzen zu lassen, gibt Durchhalteparolen aus, die im Gedankenjahr stärker an 1945 erinnern als manche andere Aktion.

Verständlich, der Platz in der Regierung räumt ihr wenigstens bescheidene Möglichkeiten ein, im Wahlkampf in Erscheinung zu treten. Verließe sie jetzt die Regierung, müsste sie, um diesen Schritt als Neuorientierung plausibel zu machen und überhaupt aufzufallen, auf scharfe Opposition gegen das setzen, was sie fünf Jahre lang mitgetragen hat – und das wäre erst recht unglaubwürdig.

Diese erzwungene Loyalität schränkt, nebenbei, auch Wolfgang Schüssels Aktionsmöglichkeiten ein. Solange der blaue Partner in panischer Nibelungentreue fest zur Koalition steht, hat er keinen triftigen Grund, sein ureigenes Projekt vorzeitig platzen zu lassen und Neuwahlen auf einen Termin vorzuverlegen, der ihm womöglich gelegener käme als der Herbst 2006. Einen Vorwand würde er selbstverständlich immer finden.

Woraus sich eine Neuorientierung der FPÖ speisen könnte, bleibt völlig im Dunkeln. Sogar alte Kampfgefährten können über Haiders neuen Flottismus nur noch spotten. Aber die Deutsch- und sonstigen Tümler, die dem Führer nun die Gefolgschaft versagen, haben auch nichts vorzuweisen, stehen sie doch jetzt auf Positionen, die Jörg Haider vor vielen Jahren zugunsten jenes Populismus aufgegeben hat, der ihm solange Stimmen gebracht hat, bis die Regierungsbeteiligung die Substanzlosigkeit seiner Programmatik zutage förderte. Einst plakatierten sie "Wien darf nicht Chicago werden", heute "Wien darf nicht Istanbul werden" – das ist ihre Neuorientierung. Und was sich zwischen diesen Streithanselfraktionen mehr oder weniger benommen tummelt, ist der "Club Jörg", dessen Mitglieder um die Posten zittern, auf die sie ohne den Jörg nie gerutscht wären.

Sie erhoffen sich von ihm, vor allem im Kärntner Führerhauptquartier, noch immer mehr als von den verschrobenen Ideologen um Mölzer, auch wenn – wie die letzten Wahlen zeigen – sein Scheitern nicht mehr zu kaschieren ist. Wie gewohnt, hat er wenig Lust, die Suppe auszulöffeln, in die er die Blauen mit seinem nie angetasteten Durchgriffsrecht getunkt hat. Das kann er nicht, ohne "sein Lebenswerk" als Charismatiker endgültig zu entsorgen.

Mölzer kratzt an diesem Charisma, sicher nicht am blauen Gedankengut. Er verstößt damit gegen das Führerprinzip, das zu etablieren er als Haiders Chefideologe jahrelang geholfen hat.

Sein Ausschluss ist also in einem höheren Sinne gerecht als es den niedrigen demokratischen Instinkten in der FPÖ entspricht. Helfen wird er nichts. Auf das Mitregieren durch ständiges Umfallen hatten die Mölzers auch bisher keinen Einfluss, aber sie stellten den geistigen Bodensatz, der der Haider-FP lange ihre Blut- und Bodenhaftung verliehen hat. Darauf werden viele nicht verzichten wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2005)