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Grassers Auftritt ist selten provinziell. Der Finanzminister gibt sich als Weltpolitiker, der die Spielregeln des Medienzeitalters beherrscht, erst der Kärntner Dialekt identifiziert ihn als "Bachelor der österreichischen Innenpolitik".

Stärkenprofil:

  • Der Finanzminister ist ein Medientalent und ein wohlgeformtes Wesen, das mit dem von Manfred Deix skizzierten Österreicher wenig gemeinsam hat. Ein optischer Segen für die übergewichtige Nation.
  • In Interviews ist er höflich und sammelt als Politsoap-Ikone Sympathiepunkte.
  • Sein Rede-Rhythmus ist jugendlich dynamisch, und er fasst die Kernbotschaften für den Zuhörer zusammen.
  • Als Typ verkörpert er neben den immer noch aktiven "Politdinos" die ehrgeizige Generation der Enkelsöhne, die im
  • Ein politisch cleverer Schachzug war offen zu lassen, ob sich ÖVP oder FPÖ mit dem Finanz-Beau schmücken dürfen.

    Schwächenanalyse:

  • Die Stimme des Finanzministers ist nicht "abgemischt", wenig belastbar und zu hoch. Sein natürlicher Körperton wäre dunkler und männlicher. TV-Auftritte schmeicheln ihm mehr als Radio-Interviews.
  • Länger ausgesprochene Vokale würden Grassers Sprechmelodie mehr Fülle verleihen. Dazu kommt, dass er keinen Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen "s" macht, was wenig elegant klingt und sprechtechnisch falsch ist. (z. B. beide "s" im Wort: "Susi" sind von einer anderen Qualität, als die beiden "s" in seinem Namen.)
  • Er formuliert zu lange Sätze, die mit Bindewörtern endlos verkettet werden und schließt Gedanken nicht ab. Dazu verwirren die vielen Zahlen und neudeutschen Fachtermini. Trotz vieler ausländischer Vokabel spricht er die einfachsten falsch aus: Chance wird nicht "Schohnse" gesprochen!
  • Menschen mit sparsamer Körpersprache gelten als knauserig. Auffallend bei Grasser ist die Fingerhaltung, hier besonders: der "Pinzettengriff" (Zeigefinger und Daumen bilden ein O), der auf pedantische Charakterzügen hinweist.
  • Wohlgeformten und gepflegten Menschen bringt man mehr Sympathie entgegen, dafür müssen sie gegen das Klischee "schön und dumm" ankämpfen. Zu Beginn wurde unser Finanzminister lieber als "Ken von Barbie" präsentiert denn als Politstratege. Bei einer Meinungsumfrage nach dem kompetentesten Finanzminister der Republik wäre Grasser nicht die Nummer eins. Würde man nach dem optisch repräsentativsten Minister fragen, hätte er eine "Schohnse". (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.3.2005)