Schlechte Zeiten für Menschen, die ihre Verhältnisse verbergen wollen. Denn die industrialisierte Welt, deren herausragendes soziales Merkmal die Möglichkeit der Anonymität ist, nähert sich in rasantem Tempo dem mittelalterlichen Städtchen, in der jeder unter ständiger Beobachtung seiner Nachbarn stand.

Der Finanzminister, der sich auf dem Pariser Flughafen liebevoll von einer anderen Frau als seiner Verlobten verabschiedet, könnte sich mit der Dame gerade so gut ins Wiener Kaffee Landtmann setzen und hoffen, unbeobachtet zu bleiben.

Keine Refugien

Der Massentourismus hat dafür gesorgt, dass entfernte Destinationen von Sri Lanka bis Paris so publik sind wie öffentliche Plätze. Für die Schönen, Prominenten und Reichen gibt es heute keine Refugien mehr. Schuld daran ist die digitale Bassena: Denn nicht nur sind wir eine bildverliebte Gesellschaft, die Produktionsmittel dazu sind heute in jedermanns Händen.

Millionen Menschen haben Kameras, und noch mehr haben Handys mit Kameras. Aber der entscheidende Unterschied zu früheren Zeiten der Fotografie ist die Digitalisierung der Bilder und Kommunikationswege. Während früher Bilder ins Labor getragen werden mussten und die Ausarbeitungen nur in begrenztem Kreis herumgereicht wurden, ist die Projektionsfläche heute die Welt.

Moblogs

Wenn sich keine Illustrierte findet, dann zirkulieren die Bilder eben wie Viren im Netz: von Handy zu Handy per MMS (Multimedia Messsaging Service), per Mail, oder, noch perfider, sie landen auf einem „Moblog“, einem mobilen Weblog – bebilderte Internetseiten, die heute jeder interessierte Amateur gratis veröffentlichen kann. Das Bild und Video, das früher vielleicht unter Verschluss gehalten werden konnte, will heute frei sein und von möglichst vielen gesehen werden – egal ob es die schrecklichen Bilder des 9/11-Terrors, die Videos vom Tsunami oder die amourösen Abenteuer heimischer Promis sind.

Wie im Fall von Karl-Heinz Grasser, angeblich der „Mann fürs Leben“ für Fiona Swarovski: von Touristen erwischt, von Digitalkameras festgehalten, per Mail verbreitet, von News gedruckt. Pech gehabt. Die Chance, die Bilder mit der Behauptung, sie seien eine Fälschung, aus dem Verkehr zu ziehen, hat es nie gegeben: Denn nicht ein zufälliger Tourist, sondern gleich eine ganze österreichische Schulklasse auf Paris-Besuch wurde Zeuge der Szene – und die Kids hielten munter ihre Kamerahandys drauf. Jeder ist heute ein potenzieller Paparazzo und Paris auch nur ein Vorort von Wien. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 19.03.2005)