Manchmal erhalten die Mitarbeiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien merkwürdige E-Mails offensichtlich äußerst geschäftstüchtiger Menschen. "Ich bin Bangladescher und habe 40 Kilogramm Plutonium zu verkaufen", hieß es einmal in so einem Schreiben an die Mitarbeiter der Behörde. Zu panischen Aktivitäten führte das Bekenntnis des Mannes allerdings nicht, denn ein Eigentümer von 40 Kilogramm Plutonium würde niemals versuchen, die Ware ausgerechnet der IAEO zu verhökern. Mindestens zehn Millionen US-Dollar wäre diese Menge an Plutonium wert. Der bisher größte jemals aufgeklärte Versuch, nukleares Material wie Plutonium an den Höchstbietenden zu verkaufen, flog im Jahr 1994 auf: Damals verhafteten die tschechischen Behörden in Prag einen Russen, einen Weißrussen und einen Tschechen, weil diese 2,7 Kilogramm hoch angereichertes Uran bei sich hatten.

Fälle wie dieser aber belegen recht eindrucksvoll, dass die Angst der Sicherheitsbehörden vor einem florierenden Schwarzmarkt mit nuklearem Material durchaus berechtigt ist. Dabei treibt sie weniger die Angst davor um, irgendwelche Terroristen könnten im Do-it-yourself-Verfahren aus dem Rohstoff einmal eine "echte" Kernwaffe zusammenbasteln. Das nämlich hat trotz intensiver Bemühungen etwa des Terrorpaten Osama Bin Laden niemals wirklich funktioniert. Zwar fanden US-Geheimdienste in Kabul in verlassenen Taliban-Häusern komplizierte Baupläne für Atomwaffen, die aber waren mehr oder minder wertlos. Viel mehr Furcht haben westliche Sicherheitsdienste vor der Zündung einer so genannten "Schmutzigen Bombe" in einer westlichen Großstadt. Dabei kommt es nicht zu einer Kernspaltung, es wird bloß ein konventioneller Sprengkörper mit radioaktivem Material ummantelt und die Bombe anschließend gezündet. Dabei wird radioaktives Material über ein relativ weites Gebiet verteilt und die Gegend kontaminiert. Die "Bombe des armen Mannes" ("Poor Man's Bomb"), wie diese Variante des Nuklearterrors genannt wird, vereinigt für terroristische Netzwerke mehrere Tugenden des Schreckens: Die psychologische Wirkung wäre enorm, die wirtschaftlichen Folgen ebenfalls. Zwar würden vergleichsweise wenige Menschen an den unmittelbaren Folgen einer solchen Explosion sterben, die Langzeitwirkungen aber wären verheerend.

Noch dazu sind die Rohstoffe für "Schmutzige Bomben" auch für wenig qualifizierte Übeltäter relativ leicht zu bekommen: Radioaktive Materialien sind heute nicht mehr aus Medizin, Industrie und Landwirtschaft wegzudenken. Und diese radioaktiven Materialien verschwinden zuhauf aus Krankenhäusern oder Industriebetrieben. Allein in den USA sind seit 1996 rund 1500 Mal radioaktive Quellen irgendwo verschwunden, in Russland dürfte diese Zahl ein Vielfaches betragen. In einem erst Mitte Februar veröffentlichten Bericht des National Intelligence Council (NIC), einer Taskforce mehrerer US-Geheimdienste, heißt es in Bezug auf Russland: "Wir sind besorgt über die Menge nuklearen Materials, das in den vergangenen 13 Jahren verschwunden ist."

Aber auch ein zweiter Gefahrenherd macht den Sicherheitsdiensten Sorgen: die Verwundbarkeit von Atomkraftwerken. Erst vor wenigen Wochen sagte Dietrich Snell, Mitglied der amerikanischen 9/11-Kommission, beim Hamburger Prozess gegen den mutmaßlichen Terroristen-Unterstützer Mounir El Motassadeq aus, dass die Attentäter des 11. September 2001 auch überlegt hatten, einen Jet in ein Atomkraftwerk in unmittelbarer Nähe New Yorks stürzen zu lassen. Die Zerstörung wäre enorm gewesen, denn amerikanische Atomkraftwerke sind nur ungenügend gegen einen solchen Aufprall eines Passagierjets geschützt. So müssen die 103 amerikanischen Atomkraftwerke laut den bisher gültigen Sicherheitsbestimmungen lediglich dem Angriff dreier einzelner Angreifer mit automatischen Gewehren standhalten können. Über das Szenario eines Kamikazefluges in einen Reaktor hatten sich die amerikanischen Behörden zuletzt 1982 in einem geheimen Bericht Gedanken gemacht. Der als geheim klassifizierte Bericht tauchte erst kurz nach den Terroranschlägen des 11. September in einer öffentlichen Bibliothek in Washington wieder auf.

Zwar gehören Anschläge mit einer "Schmutzigen Bombe" oder der Sturzflug in ein Kernkraftwerk derzeit zu den wahrscheinlichsten und irgendwie auch am wenigsten beherrschbaren Risiken, doch auch die Erbeutung einer "echten" Atomwaffe scheinen einige terroristische Netzwerke noch nicht aufgegeben zu haben. So mussten russische Geheimdienste im vergangenen Jahr gegenüber ihren amerikanischen Kollegen eingestehen, dass offensichtlich tschetschenische Rebellen zumindest zwei Mal seit dem Jahr 2002 versucht hatten, Atomwaffen aus russischen Armeebeständen zu erbeuten. Vorerst erfolglos. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2005)