Wien - Nun ist es auch schon wieder einige Jahre her, dass eine ihrer Bildserien für Aufregung sorgte: I.N.R.I. 1997/98 veröffentlichte Bettina Rheims zur gleichen Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Deutschland, Frankreich und Japan eine Serie von Fotos zu wesentlichen Stellen der Bibel und Stationen aus dem Leben Jesu.

Dem folgte der Vorwurf der Blasphemie. Ausstellungen wurden verschoben und Institutionen die Subventionen gestrichen. Hauptgrund des Protests: Ein Kreuzigungs-Triptychon auf dessen linkem Flügel eine Frau anstelle von Jesus Christus leidet. So etwas geht natürlich nicht. Es hat die Modefotografin Bettina Rheims schlagartig bekannt gemacht. Als Künstlerin.

Die 100-teilige Serie entstand in Zusammenarbeit mit Schriftsteller Serge Bramly. Sämtliche Jesus-Texte wurden studiert, 1500 Menschen gecastet und das Projekt in einer ehemaligen Nervenheilanstalt bei Paris umgesetzt. Sie Die Serie war 2000 in der Sammlung Essl in Klosterneuburg ausgestellt.

Derzeit zeigt das Kunsthaus Wien eine Retrospektive auf das Gesamtwerk der 1952 in Paris geborenen Fotografin. Ähnlich glamourös und voll von eindeutigen Impulsen in Richtung Betrachterschritt wie die delikaten Szenen aus der Bibel, geben sich Rheims Serien wie Modern Lovers, Female Trouble, Chambre Close oder Morceaux Coisis.

Egal ob Claudia Schiffer oder eine namenlose Stripperin, ob Madonna oder eine Supermarktverkäuferin, ob in Strapsen oder Unterhose, ob dornengekrönt und dementsprechend blutverschmiert, ob im lesbischen In-Fight oder mit dem Haupt des Johannes am Silbertablett - Bettina Rheims' Modelle simulieren Bereitschaft, geben sich als aufreizende Verführer, verruchte Lolitas oder hemmungslose Transsexuelle.

Rheims konstruiert dichte Packungen aus Zitaten bekannter Posen, pendelt zwischen dem Garten der Qualen, dem Versprechen hinter dem gelüfteten Vorhang, dem Boudoir und der Umkleidekabine im Hallenbad. Und da kann es dann schon einmal vorkommen, dass eine Kaugummiblase über den gerundet vollen Lippen platzt, oder ein Röschen Brokkoli, von geschulter Hand bestimmt an den Mädchenmund geführt zum Symbol für ganz andere Gewächse wird. Zur Beruhigung gibt es die Serie Animal (1982/83): Fotos wirklicher Tiere, Fotos von Gänsen, Affen, Schweinen - und weißen Tauben. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 3. 2005)