Potsdam - 60 Jahre nach der Befreiung des ostdeutschen Konzentrationslagers Sachsenhausen soll kommende Woche in Oranienburg die Asche zehntausender ermordeter KZ-Häftlinge beigesetzt werden. Die Überreste der von der SS verbrannten Leichen waren bei Bauarbeiten entdeckt worden, wie Gedenkstättenleiter Günter Morsch am Mittwoch in Potsdam sagte. Zu den Veranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung im April erwartet die Gedenkstätte mehr als 1.000 Überlebende aus aller Welt.

Die Aschefelder waren vergangenes Jahr im Umfeld des von den Nazis zynisch "Station Z" genannten früheren Krematoriums gefunden worden. Dort war zu DDR-Zeiten eine Betonhalle als zentraler Gedenkort errichtet worden. Beim Umbau der einsturzgefährdeten Halle seien Archäologen teilweise unter dem Beton auf die bis zu anderthalb Meter dicken Ascheschichten gestoßen, sagte Morsch. Die Zahl oder gar Identität dieser Toten kann nicht mehr festgestellt werden. "Es sind zehntausende", erklärte der Gedenkstättenleiter.

150 Massenurnen

Die Asche soll in 150 großen Massenurnen zu je 30 Kilogramm Gewicht an ihrem Fundort beigesetzt werden. "Die SS hat am Ende des NS-Regimes versucht, die in Sachsenhausen begangenen Verbrechen zu vertuschen, und dazu großflächig Totenasche untergepflügt", erläuterte Morsch. Darüber sei damals eine Erdschicht gekippt worden. Unter anderem habe die SS auch erwogen, das Lager mit einer Bombardierung zu vernichten.

Zu den zahlreichen Gedenkveranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Sachsenhausen und des KZs Ravensbrück in Nordbrandenburg erwarten die Gedenkstätten zwischen 14. und 18. April mehr als 1.000 ehemalige Häftlinge vor allem aus Osteuropa. Vielen dieser mittlerweile hochbetagten Überlebenden sei es ein Bedürfnis, noch einmal an den Ort des Grauens zurückzukehren, sagte Morsch. "Für viele ist es aber auch ein Akt des Willens und der Überwindung."

Zur zentralen Gedenkveranstaltung am 17. April wird auch der deutsche Außenminister Joschka Fischer erwartet. Dann wird der umgestaltete zentrale Gedenkort in Sachsenhausen eingeweiht. An den anderen Tagen sind verschiedene Veranstaltungen der unterschiedlichen Opfergruppen, Ausstellungseröffnungen, Lesungen und Begegnungen zwischen Überlebenden und Jugendlichen geplant.

Für die Häftlinge sei das Kriegsende auf jeden Fall eine Befreiung gewesen, sagte Morsch. "Aber 1945 sind nicht nur die Konzentrationslager befreit worden, 1945 ist die ganze Welt befreit worden." Der Historiker rief zur Stärkung der Zivilgesellschaft auf, um Neonazis Paroli bieten zu können. Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus seien nach wie vor in ganz Europa präsent. Bei vielen Überlebenden habe sich deshalb Resignation ausgebreitet, sagte Morsch. "Sie fragen sich, ob sie mit ihrer Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit gar nichts erreicht haben."

Russische und polnische Einheiten der Roten Armee hatten das KZ Sachsenhausen am 22. April 1945 erreicht und etwa 3.000 vorwiegend Alte und Kranke befreit. In den Wochen zuvor hatte die SS das Lager evakuiert, auf diesen Todesmärschen wurden noch tausende Häftlinge ermordet oder starben an Entkräftung. Schon kurz nach der Machtübertragung hatten die Nationalsozialisten 1933 ein Konzentrationslager in Oranienburg nahe der Reichshauptstadt eingerichtet. Häftlinge aus anderen Lagern mussten 1936 Sachsenhausen errichten, das Modell für andere KZ wurde. Mehr als 200.000 Menschen waren bis 1945 dort interniert, zehntausende wurden ermordet. (APA/AP)