Achtung, Türen schließen automatisch! Die vertraute Zugansage aus der freien Welt könnte in Bälde auch durch Gefängnisgänge schallen. Nach Soldaten des Bundesheeres holt die Justizministerin nun auch kurswechselwillige Eisenbahner hinter Gitter, um die unterbesetzte Justizwache zu entlasten. Das momentane Zuviel an Personal bei den ÖBB kommt Karin Miklautsch gerade recht.

Der Haken

Der Personalverschub ist keine schlechte Idee. Leasing von Arbeitskräften funktioniert auch in anderen Bereichen bestens. Das geplante Ausweichgleis für ÖBB-Mitarbeiter hat allerdings einen Haken: Die Maßnahme kann keine sofortige Linderung der Personalnot bei der Justizwache bringen, denn für den Einsatz in Gefängnissen – vorgesehen ist auch der direkte Kontakt mit Häftlingen – müssen die Neuen die gleiche Ausbildung haben wie ihre alteingesessenen Kollegen. Und die dauert immerhin ein Jahr. Bis dahin wird aber die Anzahl von Häftlingen in Österreich längst die 10.000-Schallmauer durchbrochen haben. Die Häfenmisere ist nicht über Nacht hereingebrochen. Der Grundstein des zahlenmäßigen Missverhältnisses zwischen Insassen und Aufpassern wurde bereits vor Jahren mit der Strafverschärfung für viele Bagatelldelikte geschaffen. Aus Vergehen, die früher mit bedingten Strafen abgeurteilt wurden, werden (gewerbsmäßige) Verbrechen mit unbedingtem Freiheitsentzug.

In einer Zelle

In diese Richtung geht auch die jüngste Anzeigenstatistik bei Drogendelikten. Weil selten große Fische am Haken hängen, jagt die Polizei verstärkt Kleindealer und Konsumenten. Der Bevölkerung wird vorgegaukelt, dass das Land sicherer wird, wenn rigoros verfolgt und eingesperrt wird. Doch wenn sich weiterhin Mörder und Ladendieb die Zelle teilen müssen, fährt der Zug mit Volldampf Richtung Abstellgleis. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 26.03.2005)