Rudolf Hundstorfer an der Klagemauer in Jerusalem. Bei seiner Israel-Reise besuchte der Sozialminister aus Österreich stammende Vertriebene und Überlebende des Holocaust.

Foto: Uri Ishay

Es gibt Apfelstrudel und Schwarzwälder Kirschtorte. "Apfelstrudel?", entfährt es Tamar Navea, "das ist das erste Mal, dass ich hier Apfelstrudel bekomme", sagt sie trotzig. Dem Sozialminister aus Österreich schmeckt es jedenfalls, Rudolf Hundstorfer langt im Siegfried-Moses-Altersheim in Jerusalem beherzt zu. Er ist bemüht, im Kreise der Senioren eine gesellige Atmosphäre zu verbreiten, und das kann er. Interessiert fragt er nach, geduldig hört er zu.

Frau Navea war acht Jahre alt, als sie Wien verlassen musste, den neunten Geburtstag feierte sie bereits in Haifa. Nach Wien ist sie kein einziges Mal zurückgekehrt. "Ich mag nicht", sagt sie, "das interessiert mich nicht." Tamar Navea bezieht eine Pension aus Österreich, derzeit gibt es allerdings Probleme, die 84-Jährige hat ein Formular verschlampt. Man wird sich darum kümmern.

Mit Wien ausgesöhnt

Auch Aliza Gutman lebt mit ihrem Mann Yehuda im Siegfried-Moses-Altersheim, sie sind 1938 nach Israel gekommen. "Österreich ist mir nichts schuldig", sagt sie stolz, "und ich bin Österreich nichts schuldig." Frau Gutman hat sich nie um eine Pension aus Österreich gekümmert, Anspruch hätte sie. Aber sie und ihr Mann, beides Ärzte, haben gut verdient, das Heim können sie sich leisten. Ihren Mann hat sie übrigens "über eine Leiche kennengelernt", wie sie erzählt - beim Anatomiekurs. Mit Wien hat sie sich ausgesöhnt, bis vor zwei Jahren fuhr sie regelmäßig in die alte Heimat.

"Wir kennen unsere Rolle in Österreich", sagt Hundstorfer, "wir wissen, was wir schuldig sind." Mit der Claims Conference hat man eine Zahlung vereinbart.

Etwa 2000 aus Österreich stammende Opfer des Nationalsozialismus leben noch in Israel, es werden täglich weniger. Ein Teil von ihnen bezieht Leistungen wie eine Pension oder Pflegegeld aus Österreich, das Thema wird bald abgeschlossen sein. Ihre Kinder sind nicht anspruchsberechtigt.

Am Ende der Zeit

Über den Nationalfonds der Republik Österreich wurden seit 1995 1,8 Millionen Euro an direkten Zahlungen an NS-Opfer geleistet, zuletzt waren es in Israel 300.000 Euro im Jahr. Diese Mittel laufen aus.

Das Treffen mit dem Zentralkomitee der Juden aus Österreich in Israel verläuft dann weniger gemütlich als der Besuch im Altersheim. Gideon Eckhaus und seine Mitstreiter sind unzufrieden, bei dem Treffen in Tel Aviv fordern sie weitere Entschädigungen, höhere Pensionen und einen schnelleren Zugang zum Pflegegeld. Die alten Herren kommen sehr direkt zur Sache. "Wir sind am Ende unserer Zeit", sagt der 94-jährige Otto Nagler. Österreich müsse großzügiger sein.

Hundstorfer verspricht Hilfe, wo er kann, trifft aber auch Klarstellungen: Der Entschädigungsfonds sei "erledigt und abgeschlossen" , eine Ausgleichszulage zur Pension könne im Ausland nicht ausbezahlt werden. Helfen könne er bei der Finanzierung der Klubs, die es etwa in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem gibt. Auch beim Pflegegeld und den Gedenkdienern ließe sich etwas machen.

Das Nichtvergessenwerden

Die Zeit läuft, es ist absehbar, dass von den wenigen Überlebenden des Holocaust die letzten bald nicht mehr sein werden. Manche haben abgeschlossen, manche haben sich versöhnt, andere können das nicht. Denjenigen, die noch finanzielle Forderungen stellen oder um Hilfe und Unterstützung bitten, geht es nicht nur um das Materielle, sie haben selbst keine Ansprüche mehr. Ihnen geht es um eine Geste und um das Nichtvergessenwerden.

Dass die Schuld nicht getilgt werden kann, ist allen klar. Dass ein Minister kommt und sich die Geschichten und Beschwerden anhört, ist auch eine Genugtuung. Heuer werden noch 1,2 Millionen Euro, nächstes Jahr 1,5 Millionen Euro an NS-Opfer aus dem Budget des Sozialministeriums ausbezahlt. Dann wird man sehen. (Michael Völker aus Jerusalem, DER STANDARD, 14.11.2014)