Als Barack Obama im September 2014 auf dem Nato-Gipfel in Wales noch verhandelte, war die Air Force One schon startklar. Einziges Problem: Das Flugzeug konnte nicht abheben, weil der US-Präsident nicht daherkam. Obama hatte sich kurzfristig dazu entschlossen, ganz entspannt durch den Steinkreis von Stonehenge zu spazieren. Mit einer Stunde Verspätung und unentspanntem Sicherheitspersonal traf der Präsident dann in Washington ein.

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"Had to knock it off my bucket list", verriet Obama einer verdutzten walisischen Familie bei seinem Stonehenge-Besuch.
Foto: AP Photo/Charles Dharapak

Was kann so wichtig sein, dass Staatsmänner wie Obama ihren Fahrplan für die Weltordnung einfach über den Haufen schmeißen? "Had to knock it off my bucket list", verriet er einer verdutzten walisischen Familie über Stonehenge. "Kick the bucket" bedeutet frei übersetzt so viel wie "den Löffel abgeben" - und weil das auch Präsidenten irgendwann müssen, führen selbst sie eine "bucket list" mit vor dem Ableben abzuhakenden Punkten.

So alt wie der Tod

Die "Löffel-Liste" ist freilich so alt wie der Tod selbst. Doch spätestens seit Jack Nicholson und Morgan Freeman im Jahr 2007 in "Das Beste kommt zum Schluss" (im Original: "The Bucket List") zwei Todkranke mit letzten Wünschen verkörperten, ist die "bucket list" ein echtes Social-Media-Phänomen geworden.

Eine der größten Plattformen im Netz, bucketlist.org, hat mittlerweile gut 200.000 Nutzer mit drei Millionen Lebenszielen. Sie alle teilen ihre Listen öffentlich, was die Erkenntnis ermöglicht, dass das Abhaken möglichst vieler Reiseziele bei den meisten ganz oben steht.

Eine überaus öde Liste

Wer darin stöbert, findet durchaus Anregungen für den nächsten Urlaub, und es ist amüsant zu verfolgen, wenn eine finnische Userin sich in Echtzeit darüber freut, gerade den Punkt "Haschischkeks in Amsterdam essen" abgehakt zu haben. Im Durchschnitt ähneln sich die Einträge aber so sehr, dass die Top-fünf-Reisewunschziele aller Benutzer (siehe Kasten unten) nur eine überaus öde Liste ergeben.

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Coffeeshop in Amsterdam: Für manche ist schon "Haschischkeks in Amsterdam essen" ein Ziel, das es zu erreichen gilt, bevor sie den Löffel abgeben.
Foto: AP/Peter Dejong

Nach dem Prinzip des Abhakens zu leben und zu verreisen, hat nicht nur Bestseller wie "1.000 Places to see before you die" von Patricia Schultz hervorgebracht, sondern längst auch den Reisejournalismus geprägt. Von Magazinen wie "Travel + Leisure" bis hin zu den Online-Reiseseiten der "New York Times" oder des "Guardian" kommt offensichtlich niemand mehr ohne diese Rankings oder Aufzählungen aus.

Kulturoptimisten wie Umberto Eco, der keinen Hehl daraus macht, wie sehr er den Einkaufszettel als literarische Form schätzt, würden darüber niemals ätzen. Doch auf den gedruckten Kommentarseiten derselben Medien, die online das Reisen als lebenslange "bucket list" präsentieren, regt sich auch Pessimismus: Ted Scheinman, der Autor von "The Grand Tour 2.0", einer Kritik an einem allzu konsumistischen Reiseverhalten, schreibt etwa in der "New York Times": "Heute 'machen' Reisende London, den Louvre oder Stonehenge." Und dieses "Machen" stünde nur mehr für eine oberflächliche Beschäftigung wie das Abhaken einer Liste. (Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 19.12.2014)