1. Juli 1990, 20.15 Uhr, ARD: Bundeskanzler Helmut Kohl sieht im wiedervereinigten Deutschland "blühende Landschaften" wachsen. Doch viele sind skeptisch und rechnen mit jahrelanger Dürre. Nur im Fernsehen herrscht Aufbruchstimmung. 1990 ist dort ein zentrales Jahr: Vieles, was damals begann, ist heute legendär oder existiert immer noch. Neun Ikonen des deutschen "Einheitsfernsehens.

Talk im Turm Der langjährige Spiegel-Chefredakteur Erich Böhme war der Inbegriff des seriösen Talkmasters aus den Reihen der Privaten. Talk im Turm (Sat.1) startete am 7. Jänner 1990 und lief zehn Jahre. Nicht nur Nina Hagen und Angela Merkel befetzten sich darin. Dem ORF war die Sendung Vorbild vom ORF eine Kopie – Zur Sache. Auch die ZiB3 hat ein Vorbild: Das Nachtjournal von RTL. Man muss eben nicht jede Sendung vollkommen neu erfinden. Private machten vor, was öffentlich-rechtliche Sender im Geiste des Programmauftrags kopieren. Heute ist das ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

flipbln

Ein Schloss am Wörthersee Der Hoteldirektor Lennie Berger nahm das Publikum in die Arme und schenkte all jenen Geborgenheit, die sich vom Plattenbau aus ins Grüne sehnten, und das waren nicht wenige. lso allen. Ein Mechanismus, der übrigens noch heute gut funktioniert. Am 17. Oktober startete RTL plus, drei Jahre hielt sich die Serie und wurde von zahlreichen anderen Sehnsuchtsorten zwischen Cornwall und Mauritius abgelöst. Nach zwei Staffeln nahm sich Roy Black das Leben, und Uschi Glas wurde Chefin in Velden. Schlecht gespielt, rassistisch, frauenverachtend: Tiefpunkt.

CapBimbo

Schmidteinander Es war der 16. Dezember als das WDR erstmals Late-Night-Show spielte – mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein in den Hauptrollen. Für Schmidt war es die Probebühne, für Feuerstein der Höhepunkt seiner Karriere. Sie blödelten Stand-up, verkleideten sich als Derrick, Siegfried und Roy, "Oma Sharif" und halfen "Fozzibär" beim Entlausen. Vier Jahre. Heute sind Feuerstein und Schmidt einander nicht mehr geheuer. Früher war alles besser.

immernieammeer

Elf 99 Das progressive Jugendmagazin lief ab Dezember 1990 im vereinheitlichten DFF, im Jahr darauf versauerte es auf ARD. RTL kürzte ab 1992 und unterbrach mit Werbung. Klarer Fall von Wohlstandsverlierer, konnte nicht gut gehen.

TVnostalgie

Tutti Frutti Von dieser Show stammt die Bezeichnung "Unterschichtenfernsehen". Harald Schmidt prägte den Begriff, über den heute im Zeitalter der political correctness die Nase gerümpft wird. Mag sein, dass die Show in der "Titten-Hugo" Egon Balder ab 21. Jänner 1990 drei Jahre lang die Puppen tanzen ließ, etwas fürs einfache Volk war. Aber es war blödlustig, und schon die Bürgerrechtler wussten, dass das Volk wir alle sind.

Talavera-Kiliani

Mini-Playback-Show Kinder, die zu Musik aus der Konserve tanzen und dazu die Lippen bewegen, das Publikum klatscht im Akkord. Später heißt das "Castingshow". Zum Fremdschämen.

immerrichie

Fort Boyard Kandidaten müssen unter extremen Umständen schwierige Aufgaben meistern. Frühe, pseudogefährliche Form des Ekelfernsehens.

OSTPUNKT: TV-Sendungen

Das Model und der Schnüffler Auf die spritzig-witzige Paarung Cybil Shepherd/Bruce Willis konnten sich 1990 erstmals im deutschen Fernsehen alle einigen. Alles, was in Serien gut und schön ist, gab es hier schon zu sehen. (Doris Priesching, 3.10.2015)

Candice Tifany

Stern TV Die Geburtsstunde des Infotainment: Günther Jauch präsentierte das Boulevardmagazin mit ernster Miene. Geht bis heute.

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