Wien/London – Wir erinnern uns: Rugby-Weltmeisterschaft, Sonntag, Viertelfinale zwischen Schottland und Australien. Die Europäer, größter Außenseiter im verbliebenen Feld der letzten Acht, führen in Twickenham völlig überraschend mit 34:32. Es sind zu diesem Zeitpunkt noch zwei Minuten zu absolvieren. Schottland kann ein eigenes Lineout nicht kontrollieren, der Ball hoppelt herum, Spieler beider Seiten versuchen, ihn zu fassen. Unübersichtlichkeit ist Trumpf.

Da greift Referee Craig Joubert (Südafrika) ein. Er unterbricht das Match, spricht Australien einen Penalty zu. Bernard Foley verwandelt, die Wallabies gewinnen 35:34. Schottlands Herz ist gebrochen, die Sensation findet nicht statt. Joubert (37) hatte folgendes gesehen: Schottlands Jon Welsh spielt nach einem Vorwurf eines Mannschaftskollegen den Ball, das hat eine Abseitsstellung zur Folge. Somit ist dem anderen Team ein Straftritt zuzuerkennen. Andere sehen alles anders, nach Spielende hebt die große Debatte an.

Die fragliche Szene zum Nach-Schauen. Merke: die ITV-Experten verkennen bei ihrer Forderung nach einer TMO-Entscheidung die Sachlage.
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Einen Tag später positioniert sich World Rugby, der Weltverband, mittels eines ebenso außergewöhnlichen wie bemerkenswerten Statements. In diesem wird klipp und klar festgehalten, dass der Referee falsch lag. Joubert habe übersehen, dass nach dem Knock-on zuerst der Australier Nick Phipps den Ball berührt habe (und zwar absichtlich), wodurch die Abseitsstellung von Welsh aufgehoben sei. Aufgrund dieser Sachlage wäre ein Scrum für die Wallabies zu geben gewesen, kein Penalty. Heißt: Schottland hätte in diesem Fall mit größter Wahrscheinlichkeit seinen Vorsprung über die Zeit gebracht und stünde nun im Halbfinale gegen Argentinien.

Obwohl World Rugby den Fehler seines Spielleiters klar aufzeigt, schafft es der Verband, sich gleichzeitig auch hinter den Schiedsrichter zu stellen. Ein gelungener Spagat. Joubert ist und sei trotz dieses Vorfalls ein Weltklasse-Referee. Er bleibe daher ein wichtiger Teil des Teams der Offiziellen, hieß es.

Man hielt außerdem fest, dass der Unparteiische in Echtzeit hatte entscheiden müssen, und nicht, wie der nachprüfende Schiedsrichter-Ausschuss, verschiedene TV-Aufzeichungen zur Verfügung hatte. Klargestellt wird in diesem Zusammenhang auch, dass für Joubert unter dem geltenden Protokoll mitnichten die Möglichkeit bestand, den Video-Referee ("Television Match Official", TMO) beizuziehen. Neben vielen "Experten" hatte dies etwa auch der schottische Kapitän Greig Laidlaw vehement gefordert.

Nur in folgenden Fällen nämlich wird der TMO involviert:

  • Unklarheiten im Zusammenhang mit erzielten Versuchen (Wurde der Ball korrekt im Torraum abgelegt; wurde ein Try durch Regelverstöße ermöglicht oder verhindert)

  • Mögliches Foulspiel

  • Unsicherheit, mit welcher Sanktion ein festegstelltes Foulspiel belegt werden soll

  • Unklarheit, ob ein Kick zum Goal erfolgreich war

Die Konsequenzen der vorgenommenen Evaluierung sind begrenzt. Am Resultat des Spieles ändert sich selbstverständlich nichts. Schottland hat es zwar nun quasi schriftlich, dass die genickbrechende Entscheidung falsch war, bleibt aber ausgeschieden.

Joubert wird kein Semifinale leiten (und damit vermutlich bei dieser WM nicht mehr zum Einsatz kommen). Jérôme Garcès und Wayne Barnes werden amtieren. Der Franzose Garcès pfeift am kommenden Samstag die Partie zwischen Südafrika und Titelverteidiger Neuseeland. Der Engländer Barnes ist am Sonntag bei Argentinien vs. Australien in der Verantwortung. (Michael Robausch, 20.10. 2015)