Natürlich könnten wir jetzt diskutieren, ob und, wenn ja, wer und wozu eigentlich man die Dinger überhaupt braucht. Und dann die Anschlussfrage stellen, wozu die Teile so mit Features vollgestopft sein müssen, wie sie es nun einmal sind. Und ob weniger nicht mehr … und so weiter. Aber das bringt uns nirgendwo hin.

Fakt ist, dass viele Menschen sich gerne an irgendwas anhalten. Um sich sicher zu fühlen (unterwegs) – oder stolz zu sein (danach). Beim Sport verwendet man dafür in der Regel Puls, verstrichene Zeit und zurückgelegte Strecke. Daraus lässt sich viel errechnen – und dafür gibt es "Spielzeug".

Und je mehr das kann, umso mehr erwarten sich die, die damit spielen: War es früher Science-Fiction, statt mit dem Finger am Hals den Puls zu messen, einen taschenrechnergroßen Computer am Handgelenk zu haben, ist heute der Umstieg von Brustgurten zu Handgelenksmessung Thema. Und Markt. Doch die Kunden/Nutzer sind verwöhnt: "Ungefähr" ist ungenügend.

Foto: Thomas Rottenberg

Wobei da eine große Gefahr besteht: Dass man vor lauter Technik das Schöne nicht mehr sieht. Ich, zum Beispiel, habe Sie bis jetzt mit Tech-Umfeld-Blabla gelangweilt – ohne eine Silbe über das zu verlieren, worum es hier primär gehen soll: Um einen wunderschönen, lockeren und entspannten Lauf am Sonntagmorgen, bei dem ich – nebenbei – drei Uhren trug: Garmins brustgurtlos den Puls messenden Forerunner 235, Tomtoms ebenfalls am Handgelenk messenden "Runner 2 Cardio & Music" und – als Referenz-Messgerät, meinen eigenen, "klassischen" Laufwecker, den Polar V800.

Foto: Thomas Rottenberg

"26 Kilometer, locker ohne Zeit- oder Tempovorgabe" stand im Plan. Das Problem: Irgendwann wird einem bei den Mittellangläufen da die Stadt zu klein. Zumindest dann, wenn man nicht drüber nachdenkt, anderswo als in den gewohnten Revieren zu traben: Am Wienerberg bin ich aufgewachsen – aber laufen gehe ich hier nie. Weil die Öffi-Anreise ein bisserl zäh ist. Mein Fehler: 25 Bim-Minuten für zweieinhalb Stunden glücklich sein sind kein schlechter Deal.

Foto: Thomas Rottenberg

Der Plan war einfach: Von den Wienerberggründen runter zur Liesing. Dann bis Schwechat – und nach Lust & Laune & Kilometerstand zur U3 in Simmering oder in den Prater: Nix Weltbewegendes – aber da die STANDARD-Seite um halb sieben Uhr in minus zwei Grad anzeigte, und ich nicht sicher war, wie weit es im Verknöchelfall zum nächsten Öffi wäre, nahm ich den Rucksack: Ein Notfall-Thermoshirt wiegt nix – und so kamen auch Handy und eine Banane mit.

Foto: Thomas Rottenberg

Eigentlich wollte ich alleine laufen. Aber die beiden Frauen, die da ein paar hundert Meter vor mir liefen, kamen mir bekannt vor. Und der Hund sowieso: "Leo?" – Als der Beagle sich umdrehte, sah auch die Halterin zurück: Stella und Sandra trainieren in der gleichen Laufgruppe mit mir – aber obwohl wir tags zuvor noch auf der Marswiese gemeinsam Bahnintervalle und Nahtoderlebnisse "genossen" hatten, war das hier Zufall.

Foto: Thomas Rottenberg

Beide Damen haben mehrfache Marathonerfahrung. Stella ist Triathletin: Gemütliche Longjogs gehören für uns alle zum Normalprogramm. Leo, der Beagle, ist trotz seiner relativen Jugend (16 Monate) eine Laufmaschine. Man müsse, erklärte Stella, ihn bremsen: Ohne Strick laufe er die doppelte, wenn nicht dreifache, Strecke. Und da Stella und Sandra heute " zwischen 22 und 25 Kilometern an der Liesing" laufen wollten, wäre das ein bissi viel.

Foto: Thomas Rottenberg

Also trabten wir gemeinsam und plaudernd in den Sonnenaufgang. Die Pace war vollkommen egal. Das Wetter phänomenal. Und natürlich quatschten wir auch über mein zweites Topic: Laufuhren sind längst kein Bubenthema mehr.

Foto: Thomas Rottenberg

Im Gegenteil: Es sind in meinem Bekanntenkreis vor allem Frauen, die sich für die über optische Sensoren direkt unter der Uhr den Puls messenden Teile interessieren: Männern sind Brustgurte meistens egal – viele Frauen empfinden sie aber als unangenehm-scheuernd. Speziell in Kombination mit Sport-BHs. Aber auch ohne. Das Problem bei der Handgelenksmessung war bisher immer die Genauigkeit: im Ruhezustand sind die Sensoren präzise – sobald der Arm sich bewegt, laufen die Werte Amok. Grund dafür ist unter anderem Licht, das von der Seite zwischen Uhr und Arm kommt.

Foto: Thomas Rottenberg

Ich habe über Handgelenkssensoren schon einige Male geschrieben. Experten – etwa der Grandseigneur der Lauf-Gadgets, DC Rainmaker – verwenden auf das minutiöse Testen und Erklären dieser Geräte mittlerweile viel Zeit: Für technische Details bitte ich Sie, sich ebendort umzusehen – ich beschränke mich auf die Privatempirie von mir und Freunden.

Foto: Thomas Rottenberg

Tomtom – die niederländische Navi-Schmiede – hat vor etwa zwei Jahren einen der ersten tatsächlich brauchbaren Handgelenks-Pulsmesser auf den Markt gebracht. Meine Freundin läuft damit – und ist happy. Mir bot das Gerät zu wenige Varianten.

Auch bei der Ergebnis-Auswertung am Rechner fehlen mir Dinge, die ich zwar nicht brauche, von "besseren" Geräten aber eben gewohnt bin. Als Tomtom mir nun den "Runner 2 Cardio & Music" schickte, war die Herzdame sehr angetan: "Kleiner, leichter, bequemer zu tragen, einfach im Handling, allem Anschein nach exakt und ein paar Features mehr." Per Bluetooth-Headset kann man auch Musik von der Uhr hören.

Foto: Thomas Rottenberg

Garmin brachte mit dem Forerunner 225 im Sommer seine erste brustgurtlose Sportuhr. Ich habe sie hier beschrieben. Eine sehr gute Freundin verwendet seither den Forerunner 225. Sie ist damit happy – betont aber, dass man die Uhr "schon recht fest" anlegen müsse.

Foto: Thomas Rottenberg

Der von Garmin schon beim Launch des 225ers angekündigte Forerunner 235 sollte dann deutlich mehr können. Unter anderem Nachrichten vom Handy anzeigen, mehr Sportfunktionen aufweisen und oder als Activitytracker weit mehr bieten, als der 225er. Statt jenem Puls-Sensor, den auch Tomtom bei seinem ersten Modell verwendet hatte, (bevor man nun zu einem südafrikanischen Newcomer wechselte) sollte ein eigenes Messystem kommen. Was mich überraschte: beim 225er hat Garmin stolz auf einen Gummiring am Uhrboden verwiesen, der als "Licht-Dichtung" dient. Bei der neuen aufgemotzen Version 235, verzichtet man darauf: Selbstbewusst.

Foto: Thomas Rottenberg

Ich hatte den 235 am Tag davor, am Samstag, erstmals ausprobiert. Auf der Marswiese, beim Bahntraining. Ich war entsetzt: Wenn mir ein Pulsmesser nach 400 Metern Tempointervall einen Puls von 89, 93 oder 100 Schlägen pro Minute anzeigt, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Entweder bin ich tot – oder das Messgerät spinnt: Normal sind da bei mir Werte um die 170. Dass die Messung nach dem dritten oder vierten Neustart dann passte, war ein schwacher Trost: Ich habe die Uhr da weder anders angelegt noch sonst etwas anders gemacht: Am Anfang (die ersten sieben von 16 Intervallen) maß sie schlicht und einfach komplett falsch – dann richtig. Punkt.

Foto: Thomas Rottenberg

Darum hatte ich am Sonntag dann auch die "klassische" Uhr mit an die Liesing genommen: Um einen "seriösen" Vergleichswert zu haben. Ob der von Garmin, Suunto oder Polar kommt, spielt keine Rolle: Brustgurtuhren namhafter Hersteller sind – grosso modo – verlässlich und präzise.

Foto: Thomas Rottenberg

Wäre ich allein unterwegs gewesen, hätte ich ständig auf die Uhren gegafft. Das wäre schade gewesen: Die Strecke ist wunderschön und fein zu laufen – auch für weniger Geübte: Autofrei und bretteleben. Wer kürzer laufen will, kann fast überall, wo der Liesingbach Straßen quert, ein- oder aussteigen – sei es mit Öffis oder dem Auto.

Foto: Thomas Rottenberg

Meine Gesellschaft war 1A: Zwei starke, routinierte Läuferinnen. Stella und Sandra wissen sehr genau, wie sie wann wo laufen. Und: Ich liebe es, beim Laufen einen Hund dabei zu haben. Aber es gibt Regeln. Und die erste lautet, dass ein Hund nur dann von der Leine darf, wenn es absolut ausgeschlossen ist, dass er irgendwen behelligt, verängstigt oder auch nur ansatzweise erschreckt. Ausbüchsenlassen ist sowieso ein No-Go.

Foto: Thomas Rottenberg

Doch die Damen waren mit dem Auto angereist – und mussten daher auf halber Strecke umkehren: Leo nahmen sie mit. Er und ich fanden das nicht so toll.

Foto: Thomas Rottenberg

Dafür hatte ich jetzt Zeit, für die Uhren. Schon vorher war mir eines aufgefallen: Die Werte der Garmin lagen meistens recht nahe an denen der Polar. Tomtom zeigte Spaßwerte.

Foto: Thomas Rottenberg

Um nicht missverstanden zu werden: Ich erwartete keine 100 prozentige deckungsgleichen Werte. Alleine deshalb, weil jede der Uhren Daten mit anderem Tempo verarbeitet. Aber auch, weil ich weiß, dass der Körper nicht immer und überall gleich tickt: Natürlich misst ein Pulsmesser den Puls. Also im weitesten Sinn den Herzschlag. Aber ob man an der Brust, oder am linken oder rechten Arm misst, kann Unterschiede ergeben. Im Augenblick. und in Maßen.

Foto: Thomas Rottenberg

Außerdem ist Winter: Dass kalte Luft kalte Finger bewirkt und die zu verfälschten Ergebnissen bei Handgelenksmessungen führen können, war vor Jahren schon Thema. Nur: Ich trug Handschuhe. Und Ärmlinge. Und soooo kalt war es – subjektiv -auch nicht.

Foto: Thomas Rottenberg

Trotzdem waren die Ergebnisse in Summe ernüchternd: Sowohl unterwegs als auch im Nachheinein lag Tomtom weit jenseits jener Werte, die ich als "akzeptable Abweichung" oder "vereinzelte Ausreißer" hingenommen hätte. Und auch wenn die Garmin beim Longjog bis auf ein paar Ausreißer zufriedenstellend abschnitt und 100 Dinge kann, die mir Spaß machen, war da der seltsame Beigeschmack des Laufbahn-Versagens.

Foto: Thomas Rottenberg

Und die Facebook-Message eines Freundes. Der hat sich unlängst den 235er gekauft und bestätigte meine ambivalente Erfahrung: "Ich hab die FR 235 gestern bei einer 111-km-Radtour nach Bratislava und heute bei einem Intervalltraining um die Alte Donau getestet. Gestern voll okay; heute Zicken bei der HR-Messung."

Foto: Thomas Rottenberg

Ich schrieb den Herstellern: Ich sei ja bereit, es einzugestehen, wenn ich etwas falsch gemacht hätte – aber was? Ob man die Falschmessungen anders erklären könne?

Sowohl bei Garmin als auch bei Tomtom reagierte man sofort und betroffen. Man bemühte sich, die Fehler zu finden. Nur: Die Uhren waren gut und fest und oberhalb der Handgelenke angelegt. Ich habe weder Tatoos noch dichte, dunkle Haare auf den Unterarmen. Die Batterien waren voll, die Sensoren sauber. Es können bei diesen Temperaturen keine Unmengen an Schweiss auf die Sensoren geronnen sein. Ich bin erst losgelaufen, nachdem Puls und GPS gefunden und die Geräte "betriebsbereit" waren. Und ob man die Dinger links oder rechts trägt, darf nicht zu derartigen Abweichungen führen. Bleibt die Kälte – wobei sowohl die Garmin – als auch die Tomtom-Leute bestätigen, dass man "selbstverständlich" Tests bei niedrigen Temperaturen gemacht habe.

Foto: Thomas Rottenberg

Man besäße, klang bei beiden Unternehmen durch, einfach noch nicht genügend Erfahrungsberichte, um schlüssig und endgültig sagen zu können, was da schief gelaufen sein könnte. Eines, räumte ein Garmin-Mann aber ein: Das mit dem Dichtungsring der 225er, der bei der 235er eventuell "hilfreich" sein könnte, sei zwar ein Ansatz, aber im Grunde sei man trotzdem ratlos.

Foto: Thomas Rottenberg

Mein Fazit ist aber dennoch kein "so ein Schas". Eher "Kinderkrankheiten". Schließlich hatte meine Freundin mit der Tomtom nicht das geringste Problem. Und das bis auf einige Ausreißer brauchbare Funktionieren der Garmin-Uhr beim Longjog lässt auch die Variante möglich erscheinen, dass ich irgendetwas übersehen habe. Auch wenn weder ich noch die Hersteller herausgefunden haben, was.

Foto: Thomas Rottenberg

Egal. Denn auch wenn Technik und Spielzeug helfen können, die eigene Leistung zu verbessern oder sich darüber zu freuen, was man wann wie wo geschafft hat, ist das in Wirklichkeit nicht so wichtig. Es geht ums Laufen. Um Bewegung. Ums Erleben und Spüren. Um Freude. Nicht um Zahlen. (Thomas Rottenberg, 17.12.2015)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Richtlinien: Die Geräte wurden von den Herstellern für Testzwecke für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt.

Foto: Thomas Rottenberg