Der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un beim Raketenstart.

APA/AFP/NORTH KOREAN TV/YONHAP

Das nordkoreanische Staatsfernsehen zeigte Bilder des Starts von "Kwangmyongsong-4".

Foto: APA/AFP/NORTH KOREAN TV/YONHAP

Ob die Rakete tatsächlich in die Erdumlaufbahn gelangte ist unklar.

APA/AFP/NORTH KOREAN TV/YONHAP

Seoul/Pjöngjang/Washington – Nur einen Monat nach seinem Atomtest hat Nordkorea trotz scharfer internationaler Warnungen eine Langstreckenrakete gestartet und damit offenbar ein Objekt ins Weltall gebracht. Im nordkoreanischen Staatsfernsehen hieß es am Sonntag, der von Staatschef Kim Jong-un angeordnete Start sei ein voller Erfolg gewesen. Nun umkreise der Satellit "Kwangmyongsong-4" alle 94 Minuten die Erde.

Es gab zunächst keine unabhängige Bestätigung dafür, dass die letzte Stufe der Trägerrakete tatsächlich die Erdumlaufbahn erreichte. Ein Vertreter der US-Armee sagte, dass die Trägerrakete "anscheinend" das Weltall erreicht habe. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap hatte zuvor berichtet, dass die zweite Raketenstufe offenbar nicht funktioniert habe.

Der südkoreanische Geheimdienst teilte laut Yonhap seine Einschätzung mit, dass die von Nordkorea gestartete Rakete als "ballistische Rakete" eingestuft werden müsse. Der ausgesetzte Satellit sei praktisch nutzlos. Der Flugkörper wiege vermutlich nur 200 Kilogramm, während einsetzbare Satelliten mindestens 800 Kilogramm wögen.

Der Geheimdienst berichtete außerdem, dass Nordkorea möglicherweise den nächsten Test einer Atombombe vorbereitet. Es gebe Hinweise für solche Vorbereitungen auf den fünften Atomtest des Landes, zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur am Sonntag Abgeordnete in Seoul, die zuvor vom Geheimdienst darüber informiert worden seien.

Ban Ki-Moon verurteilt Raketenstart

Am Sonntag erfolgte der Start der Rakete um 01.30 Uhr Mitteleuropäischer Zeit in südlicher Richtung. Zwar hatte die japanische Regierung angekündigt, bei einer Gefährdung des Landes werde das Militär die Rakete abfangen. Dem Sender NHK zufolge wurde jedoch kein derartiger Versuch unternommen. Nordkorea hatte den Start vorher angekündigt. Er fand wenige Wochen nach einem Atomtest statt. Im nordkoreanischen Staatsfernsehen hieß es, man werde auch in Zukunft Satelliten ins All schießen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Raketenstart, der bestehende Resolutionen des Sicherheitsrats verletze. Mehrere Resolutionen des Rates verbieten Nordkorea die Nutzung ballistischer Raketen. Es wird befürchtet, dass Nordkorea ein derartiges Geschoß mit einem atomaren Sprengkopf bestücken könnte und damit in der Lage wäre, neben Südkorea und Japan auch die Westküste der USA zu bedrohen. Die Regierung in Pjöngjang spricht dagegen von einem legitimen Weltraumprogramm.

UNO-Sicherheitsrat tagt

Der UN-Sicherheitsrat in New York soll um 11.00 Uhr (Ortszeit; 17 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen. Die USA, Japan und Südkorea hätten darum gebeten, hieß es in Diplomatenkreisen.

International wurde der Raketenstart einhellig verurteilt. Die USA bezeichneten den Raketenstart als "destabilisierend, provokativ und flagrante Verletzung" zahlreicher UN-Resolutionen. Die Vereinigten Staaten würden sich für "ernste Konsequenzen" einsetzen, teilte US-Sicherheitsberaterin Susan Rice in Washington mit. Außenminister John Kerry erklärte, die USA würden mit ihren Partnern und Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates weiter an "bedeutenden Maßnahmen" arbeiten, um Nordkorea zur Rechenschaft zu ziehen.

China bedauert Schritt Pjöngjangs

Die USA drängen China, schärferen Sanktionen gegen Nordkorea zuzustimmen, dessen Rückhalt bei der Führung in Peking seit geraumer Zeit schwindet. Der größte Wirtschaftspartner des Landes hatte Pjöngjang mehrfach vergeblich zur Zurückhaltung aufgefordert, um die Spannungen in der Region nicht weiter eskalieren zu lassen. Nach dem dennoch erfolgten Raketenstart machte Chinas Regierung über die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua denn auch ihr "Bedauern" publik.

Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye warf dem kommunistischen Regime in Pjöngjang eine schwere Provokation vor, die nicht toleriert werden könne. Sie forderte – wie schon nach dem Atomtest des Nachbars – harte Sanktionen des UN-Sicherheitsrats gegen Nordkorea.

Südkorea erwägt zudem angesichts der Bedrohung durch Nordkorea, ein Raketenabwehrsystem zu installieren. Sein Land werde mit den USA darüber verhandeln, kündigte ein hochrangiger Vertreter des südkoreanischen Verteidigungsministeriums auf einer Pressekonferenz mit Befehlshabern der US-Armee am Sonntag an.

Das US-Militär hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach betont, Südkorea benötigte das Raketenabwehrsystem Thaad der USA, um sich vor ballistischen Raketen zu schützen.

Protest aus Japan

Auch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe sprach von einem Verstoß gegen UN-Resolutionen. Sein Regierungssprecher Yoshihide Suga sagte, der Raketenabschuss sei eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Welt. Man werde bei Pjöngjang vehement protestieren.

Russland hat den Start der Langstreckenrakete als Verstoß gegen internationale Vereinbarungen verurteilt. "Solche Handlungen führen zu einer Verschärfung auf der koreanischen Halbinsel und im Nordosten Asiens", hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Moskau vom Sonntag. "Wir sind gezwungen festzustellen, dass Nordkorea ein weiteres Mal internationales Recht provokativ missachtet hat."

Frankreichs Regierung sprach von einer "sinnlosen Provokation" und verlangte eine "schnelle und harte Reaktion" der internationalen Staatengemeinschaft.

Großbritannien droht mit Konsequenzen

Großbritannien hat Nordkorea Konsequenzen angedroht. Nordkorea sei sich bewusst, dass es damit mehrere UN-Sicherheitsrats-Resolutionen verletzt habe, sagte ein Sprecher des Londoner Außenministeriums am Sonntag.

"Wir werden mit unseren Verbündeten und Partnern zusammenarbeiten, um eine robuste Antwort sicherzustellen", fügte er hinzu, ohne allerdings Einzelheiten zu nennen. Man werde Nordkorea deutlich machen, dass solche Aktionen das Land nur weiter isolieren.

Nordkorea hatte zuletzt Ende 2012 eine Weltraumrakete abgefeuert. Schon der Start damals wurde weltweit verurteilt. Nach dem vierten Atomtest Nordkoreas am 6. Jänner dieses Jahres nahm der UN-Sicherheitsrat Diskussionen über schärfere Sanktionen gegen Pjöngjang auf. (APA/Reuters, 7.2.2016)